Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 24 (7.6.1864)
- Date
- 1864-06-07
- Page
- Seite 374 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Wir glauben, diese Spenden machen dem Herzen der wiener Juden viel Ehre; ob es klug war, so zu handeln, wird die Zukunft lehren. Doch darüber nächstens. Krakau, 22. Mai. (Privatmitth.) Es wird Sie gewiß in Erstaunen setzen, wenn ich mir den Ausspruch erlaube, daß es in ganz Europa, wo sich nur unsere Religionsgenossen ansiedeln dürfen, keine jüdische Gemeinde gebe, die so alles Gemeinsinnes entbehrte wie unsere, die doch ihrem Umfange wie ihrer historischen Bedeutung nach dazu berufen ist, zu den Communen ersten Ranges zu zählen. Eine günstige Gelegenheit, sich an den gemeinschaftlichen Jnterressen zu betheiligen, sucht hier niemand, und drängt sich eine solche auf, so sucht man der Pression womöglich sich zu entziehen. Intoleranz und Lauheit ist die vorherrschendste Tendenz unserer dem absurden Chassidismus huldigenden israel. Gemeinde. Doch ich will Facten sprechen und Sie selber urtheilen lassen, ob die Männer des Fortschritts hierorts wohl diesen usurpirten Namen verdienen. Es' war vor einiger Zeit Gelegenheit, den Grundstein zu einer Verfassung der hiesigen israel. Commune zu legen, die von großer Tragweite und nicht zu überschätzendem Vortheile für uns sein könnte. Wir leben nämlich hier so ziemlich unter der Vormundschaft des städtischen Magistrats, da niemand für die Autonomie einstehen mag und sich um das Gemeindewesen interessirt. Ueberdies wurden unsere Angelegenheiten bisher so ziemlich aus dem Stegreife verwaltet, da wir nicht einmal ein Statut besaßen, um darnach handeln zu können. Zur Entwerfung eines solchen mußte erst behördlicherseits die Initiative ergriffen werden, und in der That langte vor zwei Monaten der Auftrag der Statthalterei-Commission herab, daß sich die Judengemeinde selbständig constituire und den bezüglichen Organisations-Entwurf der Landesbehörde vorlege. Der Vorsteher, Herr Salomon Deiches, der in der That mit löblichem Eifer bemüht, die zeitgemäße Reform fruchtbar zu machen, studirte die Statuten anderer Großgemeinden in Wien, Pesth, Prag und Lemberg und brachte im Vereine mit einem Advocaten ein Elaborat zu Stande, das nun in einer allgemeinen Versammlung berathen werden sollte. Selbstverständlich wurden auch die Mitglieder des Chor-Tempelvereins eingeladen, aber die Tempelherren und ihre polnischen Anhänger, die immer den Fortschritt im Munde führen und über diese Zungendrescherei nie hinauskommen, blieben von der Versammlung weg, mit den Worten: Wir wollen von jenen nichts wissen, sie mögen machen was sie wollen. Das ward aber auch ganz getreulich erfüllt und die Frommen thaten denn was sie wollten. Sie zimmerten ein Statut, dem zufolge der Ober-Rabbiner eine Art episkopaler Gewalt hat, dem dann seine Anhänger als heilige Miliz zur Seite stehen. Bei der Neigung unseres Rabbiners zur Wunderthäterei ist diese hierarchische Verfassung nicht unbedenklich. Nun liegt das Elaborat dem Magistrate vor, und noch könnte von seiten der Verständigen Protest*) gegen ein Statut eingelegt werden, das unfehlbar den Ruin der Gemeinde herbeiführen muß. Aber niemand regt sich. Keiner tritt auf. Jeder denkt: mag nach mir Sündstuth sein, und keiner bedenkt, daß einst unsere Nachkommen mit Recht klagen würden: „Unsere Väter haben gefehlt und wir haben ihrer Fehler Last zu tragen." Aron Wallmann. Nachtrag. Paris, 27. Mai. Der Abend-Moniteur berichtet: „Sir Moses Montefiore, der berühmte englische Jude, der sich vor einiger Zeit nach Marokko begab, um den Sultan Abderame zu bestimmen, das Schicksal seiner Glaubensgenossen in diesem Lande zu verbessern, hat bekanntlich einen Ferman erhalten, der den Juden die gleichen Rechte gewährt wie den Muselmännern. Diese so liberalen Concessionen haben unglücklicherweise auf mehreren Punkten den Fanatismus der Bevölkerungen wachgerufen und es ist zu befürchten, daß die Emancipation der Juden ernste Complicationen herbeiführt. Die Nachrichten aus Tanger melden, daß in Fez, Mequinez und anderen Orten des Innern bedauernswerthe Scenen vorgefallen sind und daß abermals eine heftige Reaction gegen die Israeliten von Marokko auszubrechen droht." *) Wie ich aus dem Munde des Hrn. Deiches vernommen habe, wurden die dem dem löbl. Magistrate vorgelegten Elaborate der Statuten von unserem Rabbiner hinzugefügten Glossen, die nur geeignet sind, ein Zeugniß von seiner Unkenntniß communaler Statuten abzulegen, vom Magistrate gänzlich gestrichen, und wird derselbe nur die Statuten des Herrn Deiches genehmigen.