Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 24 (7.6.1864)
- Date
- 1864-06-07
- Page
- Seite 367 (sequence 5)
- Language
- German
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367 theikung sich mit aller Muße einem einzigen, wenn auch vielverzweigten Fache widmen kann und seinen Geist nicht nach entgegengesetzten Richtungen zu zerstreuen braucht? Warum soll der Rabbinatscandidat, nachdem die Nothwendigkeit der classischen Studien zu seiner Ausbildung und seine Ausschließung vom Besuche jeder andern Lehranstalt die Grundidee dieses Entwurfes ist, durch die drei Jahre des höheren Curses dem classischen Studium den Rücken zuwenden und ihm gänzlich entzogen werden? AuS welchem Grunde müssen die Lehrgegenstände des Obergymnasiums in der Unterabtheilung durchgenommen werden? Wäre es nicht in jeder Beziehung besser, nützlicher und leichter, sie auf alle acht Jahrgänge zu vertheilen? Oder aber, wenn das ehrwürdige Comit6 sich hierbei von der Ansicht leiten ließ, es sei das clafsische, weltliche Studium mit dem talmudisch-theologischen des Rabbinatscandidaten unvereinbarlich, wäre dann nicht der beste Plan der gewesen, gar keinen Plan zu machen und es bei den bisherigen Rabbinerschulen, vulgo Jescliiboth, bewenden zu lassen? — Alle diese und noch viele andere in die Augen fallenden Fragen stellen es außer Zweifel, daß hierbei die Absicht zum Grunde lag, den beim Schluffe des Präparandencurses als ungeeignet für die rabbinische Laufbahn befundenen Schülern den Eintritt in die Universität und somit die Möglichkeit, ohne Zeitverlust irgend einem weltlich-wissenschaftlichen Berufe sich zuwenden zu können, dadurch offen zu halten, daß selbe beim Austreten aus dem Präparandencurse die Reife für die Universität in der Unterabtheilung der Rabbinerschule bereits erlangt haben und aus derselben ein abgeschlossenes Resultat mitbringen. Freilich muß hierbei vorausgesetzt werden, daß die Maturitätszeugnisse der Rabbinerschule von den Landes-Universitäten auch anerkannt werden. Wir können uns denken, welche innige Freude dem ehrwürdigen Comitö das Bewußtsein gewährt haben muß, in seinem Präparandencurse eine Anstalt geschaffen zu haben, durch welche nebst dem allgemeinen Ziele des Obergymnasiums, Vorbildung für jeden gelehrten Stand, auch noch die Anbahnung zum Rabbinerberufe erreicht wird. Allein uns will es bedünken, eben diese Freude habe das Comite in eine Sackgasse verlockt, welche in einen Knäuel von Widersprüchen ausmündet und deren Eingang durch praktische Unmöglichkeiten verlegt wird, wie dies die bestgestnnte und allerzahmste Kritik sofort herausfühlen muß. (Schluß folgt.) Literarischer Wochenbericht. Frankfurt a/O., 15. Mai. (Victor Hugo über Hiob.) Wie allen Lesern bekannt, so ist am 23. v. M. ein Fest von großer Bedeutung, nämlich das 300jährige Geburts-Jubiläum Shakespeares, gefeiert worden. Diese Feier, an welcher außer Britannien, der Heimathsstätte des großen Meisters, auch alle übrigen gebildeten Länder und Völker des Continents mit Recht sich betheiligten — hat schon viele Wochen und Monde vorher eine Legion Federn beschäftigt und, wie es bei solchen Anlässen gewöhnlich der Fall, eine ganze eigene Literatur hervorgerufen. Innerhalb dieser ist es aber namentlich eine Schrift, die sich vor allen übrigen ganz besonders auszeichnet, ein Werk, das alle anderen gewaltig überragt, dasjenige nämlich, welches von VictorHugo über Shakespeare, dasjenige, welches — wie Moritz Busch ganz richtig bemerkt — „vom größten Dichter der Jetztzeit überden größten Dichter aller Zeiten" geschrieben worden. — Es kann nun natürlich unsere Aufgabe nicht sein, über das vortreffliche Buch selbst (das wir jedem Gebildeten dringend zu lesen empfehlen) an dieser Stelle auch nur das gedrängteste Referat zu liefern. Ganz ignoriren können wir es aber auch nicht, — ja, dies um so weniger, als der Verfasser den Dichter William Shakespeare auf eine Linie stellt mit einer Reihe von allen Zeiten und Völkern angehörenden großen Männern, unter denen er auch Hiob und Jesaias nennt, und bei welcher Gelegenheit er denn auch in die biblische Kritik — oder richtiger, in die Kritik der Bibel — weit, ja sehr weit hineingreift. — Bor allem jedoch sei es unS gestattet, der Originellität wegen, einige Worte aus der kraelnee ^anzuführen. „Wie das Wasser — heißt es hier u. a. — das auf hundert Grad erhitzt wird, keinen Wärmestoff mehr aufnehmen und nicht höher steigen kann, so erreicht der menschliche Gedanke in gewissen Menschen seine vollständige Intensität. Aeschylos, Hiob, Phidias, Jesaias, Juvenal, Dante, Michel Angelo, Rabelais, Cervantes, Shakespeare, Beethoven und einige andere bezeichnen jene hundert Grad des Genies. — Der menschliche Geist hat einen Gipfel. Dieser Gipfel ist das Ideal. Gott steigt darauf nieder, der Mensch steigt hinauf." — Was nun zunächst den „Hiob" betrifft, mit welchem Kapitel wir uns hier ausschließlich beschäftigen wollen, so widmet ihm der Verfasser eine Ausführlichkeit, wie er sie — natürlich Shakespeare selber ausgenommen — keinem anderen der