Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 24 (7.6.1864)
- Date
- 1864-06-07
- Page
- Seite 366 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226443--22193-3259451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3«« reite Männer mit der kirchenräthlichen Toga bekleidet, welche das stolze Bewußtsein in sich fühlen, durch ihre Selbstemancipirung von allen eonfessionellen Unterschiedenheiten dem Iudenthume seine bürgerliche Emancipatiou verschafft zu haben; Männer, für die das ganze Institut des Rabbinerthums nichts mehr als ein Luxusartikel ist, die aber aus purer Herablassenheit auf ihre Schulter die Mühewaltung nehmen, eine Schule zu gründen, mit den nöthigen Lehrkräften auszurüsten und zu überwachen, aus welcher Rabbiner hervorgehen sollen, deren sie selbst freilich entrathen können, die aber uns miseram plebem derart führen und leiten mögen, daß auch wir mit der Zeit jene Höhe erklimmen, keinen Rabbiner mehr zu bedürfen. — Von diesem beklemmenden Alpdrücken wurden wir nicht im mindesten befreit durch den hierauf bezüglichen Paffus in der Nachbemerkung des nun veröffentlichten Entwurfes. Hier wird gesagt: „Das mit der Ausarbeitung des Rabbinerschul-Planes betraute Comitö habe sich erlaubt zu bemerken, wie zweckentsprechend es wäre, in das für nöthig erachtete Organ *für israel. Schulangelegenheiten, in der Voraussetzung, daß demselben auch die Oberleitung der Rabbinerschule anvertraut würde, neben einer angemessenen Zahl von intelligenten Männern aus dem Laienstande auch Rabbiner auszunehmen, die vermöge ihrer Frömmigkeit und umfassenden talmudisch-theologischen Gelehrsamkeit u.s. w. bei der israelitischen Bevölkerung in Ansehen stehen." Dies nennen wir Bescheidenheit bis zur tiefsten Demuth! In diesen unendlich schüchternen Worten vernehmen wir ein treues Echo des R. Lewitas aus Jabneh und seiner frommen Mahnung rrn böitt tine tuse! — Dennoch will es uns scheinen, unser R. Lewitas hätte nichts dagegen gehabt und das ehrwürdige Comits hätte seiner rabb. Bescheidenheit nichts vergeben, wenn es seine Bemerkung über das Landesschulorgan etwa folgender Art stilisirt haben würde: Obgleich dieses Organ nach unserer Voraussetzung auch mit der Oberleitung der Rabbinerschule betraut werden dürste, wäre es dennoch zweckmäßig, wenn in dasselbe neben einer angemessenen Anzahl von Rabbinern auch Männer aus dem Laienstande ausgenommen würden, die vermöge ihrer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit u. s. w. bei der israel. Bevölkerung in Ansehen stehen. Aus dem Vorausgeschickten erhellt, daß wir den Schwerpunkt der Rabbinerschute in dem Organ erkennen, welches berufen sein wird, dieselbe einzurichten, die Vorschläge zur Besetzung der Lehrerstellen zu machen, über ihr Wirken zu wachen und somit!erselben die praktische Richtung zu geben, und halten wir auch demgemäß die Rabbinerschule für problematisch, ja deren Realisirung für gemeinschädlich, insolange die Frage über die Bildung und Zusammensetzung dieses Organs keine befriedigende Lösung gefunden hat. Das berufene Rabbinercomits dagegen hat es für gut befunden, auf diesen Kernpunkt nicht tiefer einzugehen, und somit fehlt seinem Entwürfe der Schlußstein, von dem Sein oder Nichtsein des aufzuführenden Neubaues abhängt. Nichtsdestoweniger erkennen wir in dem vorliegenden Lehrplane ein höchst schätzenswerthes Material, welches einer eingehenden ruhigen Prüfung gewürdigt zu werden verdient. Daß in der Mitte des Comitss der fromme Wunsch mächtigen Einfluß geübt, eine Anstalt zu schaffen, aus welcher nicht nur allseitig gelehrte und gebildete, sondern auch in echt rabbinischem Geiste erzogene und der strengen conservativen Richtung zugethane jüdische Volkslehrer und Führer hervorgehen sollen; daß ferner das höchste Maß von allen in den Bereich rabbinischer Gelehrsamkeit gehörenden Fächern und Disciplinen in den Unterrichtsplan ausgenommen wurde, darüber kann wohl nur eine Stimme herrschen. Nicht minder wird jeder sofort die Gesinnung herauserkennen, welche die bedeutungsvollen Worte dictirt hat: „das herkömmliche Recht eines jeden Rabbiners, eine Ieschibah zu Hallen und Hatarah zu ertheilen, bleibt hierdurch unberührt." Nachdem wir hiermit unsere Meinung über die zu errichtende Rabbinerschule und deren Entwurf in seiner Allgemeinheit offen dargelegt, wollen wir auch unsere nichts weniger als vom Oppositionsgeiste beeinflußte Ansicht über die wichtigsten Specialitäten des Lehrplanes auseinandersetzen, wobei wir davon absehen, ob denn wirklich der massenhafte Lehrstoff, wie er vorgeschrieben wird und auf dem Papiere figurirt, überhaupt bewältigt werden könnte. — Dem Entwürfe gemäß bestünde die Rabbinerschule aus einem fünfjährigen Präparandencurse, in welchem alle obligaten Lehrgegenstände des Obergymnasiums bis zur vollkommenen Maturität und mehrere hebräisch-talmudische Fächer in nicht geringem Maße vorzutragen wären, und aus einem dreijährigen Candidateneurse, der sich ausschließlich auf das theologische Fach in all seinen Verzweigungen beschränkt. Die hierbei jedem sich aufdrängenden Fragen: Weshalb soll eben der jüngere und in jeder Beziehung schwächere Schüler der Unterabtheilung mit einer Masse von heterogenen Gegenständen bis zum Erdrücken überbürdet werden, während der reifere, leiblich und geistig erstarkte Hörer der Oberab-