Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 24 (7.6.1864)
- Date
- 1864-06-07
- Page
- Seite 364 (sequence 2)
- Language
- German
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364 Juden — zu denen wir freilich nicht alle sogenannten gebildeten Juden zählen und von denen wir nicht alle sogenannten ungebildeten Juden ausschließen; — was war und ist der Kern unserer Bestrebungen? Nichts anderes, als das Judenthum, als die Religion zu erweisen, welche nicht allein mit dem gesummten Culturleben der Menschheit in Übereinstimmung sich befindet, sondern auch die wahren Grundlagen deffelben enthält, .seine Grundgesetze zuerst verkündete und in ihrer Integrität für alle Zeiten bewahrte und aufrecht erhält, als die Religion, welche in ihrem energischen Sonderleben doch die religiöse und sittliche Gestaltung und Fortbildung des gesammten Menschengeschlechts in sich trug und trägt, welche daher den Kern und das Wesen ihres Sonderlebens erhalten, zugleich aber von ihrem Inhalte immerfort der gesammten Menschheit, wie sie sich entwickelt und wie sie reift, abgeben und Wahrheit und Recht, Erkenntniß und Liebe verbreiten will. Zu diesem Höhenpunkte, zu dieser Anerkennung und Wirksamkeit das Judenthum zu führen ist der innere Zweck, ist unbewußt und bewußt die innere Absicht gewesen, von dem Augenblicke an, von welchem das Judenthum in die Phase seiner neuern Entwickelung eingetreten. Bon hier aus der Kampf, ein zwiefacher Kampf. Denn von der einen Seite wollten zahlreiche Individuen, von der modernen Bildung ergriffen, aber ohne rechtes Bewußtsein ihrer Religion, ohne wahres Verständniß des Judenthums, entweder dieses in ein paar allgemeine Sätze verflüchtigen oder gaben überhaupt alle positive Religion auf und stellten sich feindlich jedem Sonderleben des Judenthums entgegen, ohne zu wissen, daß sie damit auch seinen ganzen Schatz für die gesammte Menschheit vergeudeten, ohne zu ahnen, daß sie damit auch ihren religiösen Extract in den Staub gössen, halt- und gehaltlos machten. Von der andern Seite will man von allem dem nichts wissen, man will das Judenthum in seiner mittelalterlichen Gestalt mit dem ganzen Umfange seiner bis ins Kleinste verästelten Bestimmungen, Gebräuche und Sitten, mit seinem argen und wüsten Gottesdienst, und in diesem Banne sollen alle Juden verbleiben; wer nur im geringsten darüber hinausschreitet, wird zurückgestoßen, verketzert, verdammt. Dies sind aber die aufrichtigen Gegner, die wahren und naiven Orthodoxen, welche eben selbst noch in dieser Anschauung und in diesen Lebenskreisen stehen und daher eine Berechtigung zu ihrem Thun haben, soweit sie nicht die Verketzerung und Verdammung zu verwirklichen streben. Denn zu diesem letzteren sprechen wir allen Religionsparteien das Recht ab. Äber diese Antipoden haben noch ganz andere Parteigänger neben sich. Das sind zunächst die, welche den Schein und den Firniß der Bildung annehmen, nur um diese in allen wahrhaften Momenten zu verpfuschen und zu bekämpfen, welche die strengste Orthodoxie erheucheln, für jeden Minhag schwärmen, in jedem veralteten Gebrauch die höchste Bedeutung, den erhabensten Zweck, ein wahres und ganzes Heiligthum finden, dabei deutsch schreiben, predigen, Chorsingen, Wissenschaften treiben (!) und fein thun — aber alles dies, um die Masse zu beschwatzen, sie auszubeuten und zu beherrschen, sich von ihr verehren und anbeten zu lassen: sehet den Heiligen, den modernen Seher, das Licht des Glaubens. Dabei sind sie Halbwisser hüben und drüben, weder ihre profane noch ihre theologische Gelehrsamkeit ist mehr als ein aufgelesener und mühsam zusammengesuchter Kram. Nun ist ihnen Lügen, Verleumden, Anschwärzen tägliches Handwerk. Keine Unsittlichkeit scheuen sie, sobald sie dadurch einen Gegner herabsetzen und verunglimpfen können. Gegner ist ihnen aber jeder, der sich nicht vor ihnen beugt, der ihrem Treiben nicht Vorschub leistet; Gegner jeder, der etwas bedeutet, der ein Verdienst besitzt, der sich Ansehens und Vertrauens erfreut. Denn welche Maske sie auch vorthun, nicht die Religion und nicht die Glaubensgenossenschaft, nicht deren Heil und Gedeihen ist es, um was es ihnen zu thun, sondern nur ihre persönliche Geltung, ihr persönlicher Einfluß, ihr persönlicher Vortheil. — Zu diesen gesellt sich noch eine andere Abart. In jenen ist immer noch System, ein Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln. Nun gibt es aber noch Leute, welche für ihre eigene Person allen Satzungen des Judenthums Hohn sprechen, von allen persönlichen Verpflichtungen in ceremonieller Beziehung sich frei halten, dagegen das officielle Judenthum, das Judenthum in Synagoge, Schule und jeder öffentlichen Erscheinung in der ältesten .Weise erhalten wissen wollen, für jedes Piut die Waffen ergreifen und für Zen Mizwothverkauf mit aller Kraft einstehen. Um den Widerspruch, den das Judenthum sowie jede Logik hierin findet, um den Mangel an allem Ernst, an aller Würde und Wahrhaftigkeit, der hierin liegt, kümmern sie sich wenig, wenn sie nur ihren Willen durchsetzen. Diese Elemente sind es, welche seit dem Siege der Reaction in der politischen Welt, seit 1850, innerhalb des Judenthums lärmend und geräuschvoll hervorgetreten sind; Streit und Hader, wo sie es nur vermögen, in die Ge-