Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 23 (31.5.1864)
- Date
- 1864-05-31
- Page
- Seite 355 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Frankfurt ö/SD., im Mar. (Erwiderung.) Unter dem Deckmantel der Anonymität hat sich jemand Schmähungen gegen den Unterzeichneten erlaubt (No. 20), weil in meinem offenen Bericht über den Colonisationsverein für Palästina, welcher unlängst an sämmtliche preußische Gemeinden rc. versandt wurde, ziemlich 6 Quart- Seiten, eine Stelle ihn unangenehm berührt. Deshalb meint er, man müsse sich mit Ekel abwenden. — Wendet sich denn das deutsche Volk mit Ekel von Theodor Körner ab, weil er mit Donnerworten den Mangel an national-patriotischer Gesinnung tadelt? Oder wendet sich die monotheistische Welt mit Ekel von Jesaia ab, weil er (z. B. in Kapitel 65) mit Flammenworten diejenigen bedroht, welche des heiligen Landes vergessen? — Findet sich aber der religiöse Sinn des Anonymus durch den Glauben an göttl. Vergeltung, an p“d und d-’buj •’vo firnn abgestoßen; wird sein sittlicher Sinn durch nationalpatriotische Begeisterung angewidert und sein ästhetischer Sinn durch den hohen Beruf verletzt, welchen ich in dem offenen Berichte, gemäß den Worten der heiligen Schrift, unserem Volke zusprcche? Und dann will er einen Mann schmähen, welcher sich der Hochachtung der edelsten Männer erfreut, wie eine große Anzahl mir theurer Briefe bekundet? Sollte aber ein Denker ob des frömmelnden Stoßseufzers unseres Anonymus ernst werden; so beachte er gefälligst, daß die karlsbader Beschlüsse u. dgl. weit älteren Datums find, als die neuesten Erscheinungen im Judenthume, welche der oberflächliche Anonymus über einen Kamm scheert, und daß weder Salvador noch Rießer, noch der verdienstvolle Rcdacteur dieser Zeitung den Juden viel genützt hätten, wäre nicht von ihnen die Fahne des Judenthums stolz und muthig getragen worden. Ich nehme artig dankend das Compliment des Herrn Anonymus entgegen, es sei wohl noch niemand so weit gegangen als ich, und darf es wohl bei aller Bescheidenheit, denn ich stehe ein Zwerg auf den Schultern von Riesen. — Wer meinen „Offenen Bericht über den C.-V. f. P." zu lesen wünscht, erhält ihn von mir gegen frankirte Einsendung von etwa 5 Sgr. portofrei zugesandt, soweit die vorhandenen Exemplare reichen. Seit dem Drucke sind mir noch folgende Spenden zugegangen: Von Herrn A. Heilborn zu Leschnitz 2 Thlr. 10 Sgr.; aus Drofsen 2 Thlr.; durch Herrn I. Marcus zu Freystadt in Westpr. 6 Thlr. 20 Sgr.; 1 aus St. Louis (Amerika) 5 Thlr. Freundlichen Dank j und den Segen Gottes I Dr. H. Lorje, General-Director des Colonisations-Vereins für Palästina. (Nachbemerkung der Redaction. Zu obiger „Erwiderung" haben wir zu bemerken: zuvörderst i daß die Anonymität in Zeitungsartikeln nur dann einen Anstoß erregen kann, wenn der Correfpondent wis- . sentlich eine Thatsache falsch oder entstellt berichtet, oder gar erdichtet—sonst ist die Anonymität in den Zeitungen so allgemein, daß sie zu einem Angriff an sich keine Veranlassung bietet; die qu. Correspondenz citirt aber : nur wörtlich den Ausspruch des Hrn. Dr. Lorje und; gibt ihre Ansicht darüber ab; zweitens hält sich Herr j Dr. L. durchaus nicht an das, was ihm vorgeworfen l wird, sondern umgeht den eigentlichen Punkt durch Anklagen, die in jener Correspondenz gar nicht veranlaßt sind. Der Corresp. spricht nicht gegen den Colonisationsverein, nicht gegen „die nationalpatriotische Begeisterung" des Herrn Dr. L., sondern allein dagegen, j daß Herr Dr. L. jeden, der seinem Colonisationsverein j nicht beitritt, einen „Vs-hd'' einen Verräther an! seinem Volke" nennt und behauptet, „er habe dies einem angesehenen Manne ins Gesicht geschleudert und der habe das Jahr nicht überlebt"; der Corresp. erklärt das für ein widerwärtiges Gebühren, daß Herr Dr. L. diejenigen, welche über seinen Colonisationsverein anders denken, als „Verräther" brandmarkt und sich die Kraft zuschreibt, durch sein Wort den Tod herbeizuführen. Daß Herr Dr. L. sich nicht nur mit Theodor Körner, sondern sogar mit Jesaias vergleicht, mag er selbst verantworten. Daß er aber meint, cr könne über nPD und epdiö ",ti2 i-irrn so nach Gutdünken verfügen, daß diese den treffen müssen, welche er ihrer schuldig erklärt, ist allerdings sehr stark. Der Corresp. kann das rro der Schrift so gut wie einer achten und findet doch in der ganzen Schrift nicht, daß der damit bedroht wird, welcher dem Colonisationsverein des Hrn. Dr. L. nicht beitrete. Mit einem Worte, das Recht zu bannen und zu verketzern kann niemandem zugestanden werden und Herr Dr. L. kann sich überzeugt halten, daß er durch solche Auslassungen der Sache überaus schadet.) Könitz (Westpreußen), im Mai. Aufruf. Ein trauriges Gefühl beschleicht wohl einen jeden, wenn er nach einem segensreichen Wirken von vielen Jahren 23