Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 23 (31.5.1864)
- Date
- 1864-05-31
- Page
- Seite 348 (sequence 2)
- Language
- German
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348 bei einem Urtheil aus allgemeinen Gesichtspunkten in der Nichtbeachtung individueller Verhältnisse liegt, fragen: Was gilt Meyerbeer dem Judenthume? eine Frage, die sich unter diesen Umständen zu der allgemeinen Frage wandelt: Was gellen überhaupt jüdische Künstler dem Judenthume? Wir gelangen hier zunächst zu der Betrachtung, daß es einer Nation oder einem Stamme von hoher Wichtigkeit ist, recht viele bedeutende Geister, die einen belebenden und schöpferischen Einfluß mehr oder weniger auf die ganze Menschheit oder einzelne Kreise derselben üben, aus sich hervorgehen zu sehen. Dieser Stamm wird dadurch Wohlthäter des ganzen Menschengeschlechts; er gibt dadurch der Gesammtheit das wieder, was er von ihr empfangen; er nimmt eine weltgeschichtliche Stellung ein. Und um so wichtiger ist dies für einen Stamm, der, wie der unserige, fünfzehn Jahrhunderte von der Gesellschaft ausgeschlossen, geächtet und verachtet war, für den also eine solche Documentirung des in ihm lebenden schöpferischen Genius das unumgänglichste Bedürfniß war und ist. Mittelbar wird dadurch zugleich erwiesen, daß seine Religion dem aufstrebenden Geiste kein Hinderniß bietet, und somit abermals ein Voruriheil beseitigt. Hierzu kommt, daß durch solche Vorbilder das Streben in den Gliedern dieses Stammes lebhaft geweckt und zur Nacheiferung nach allen Richtungen hin angefeuert wird. Das Selbstbewußtsein wird belebt und solches Selbstbewußtsein ist die erste Bedingung zum kühnen Ringen nach den höchsten Zielen. So sehr wir dies würdigen und darum stets einen freudigen Antheil an dem Streben und Erreichen aller derer nehmen, welche sich durch eine hervorragende Wirksamkeit aus unserer Mitte auszeichnen, in welcher Sphäre diese Wirksamkeit auch gelegen sei: so ist dies doch immer nur ein äußerliches Momeut, das Moment des Beispiels nach außen und innen, und es bleibt uns die noch bei weitem wichtigere Frage übrig: Wie verhalten sich derartige Männer zu ihrer Religion, zu ihrer Glaubens¬ und Stammesgenoffenschaft? Der Welt überlassen wir, sie als Glieder der Welt zu beurtheilen; wir als Juden können uns nicht enthalten, sie, abgesehen davon, auch als Juden zu beurtheilen und unsere Stimme dahin abzugeben, wie sie sich zu uns verhalten haben. In der That ist es gerade in unserer Zeit von höchster Wichtigkeit, daß, was an Geist unter uns vorhanden ist, auch wenigstens zum Theil für das Judenthum mitwirke. In vergangenen Zeiten konnte es ganz gleichgiltig sein, wenn dieser oder jener bedeutende Jude in Dingen arbeitete, die gar keine unmittelbare Beziehung zu uns haben; das Judenthum stand in seinem innern Leben so fest, daß kaum darauf gewirkt werden konnte, und die Verhältnisse nach außen konnte der Einzelne nicht alteriren. Jetzt aber, in dem großen Uebergang, in der Neubelebung, vielfachen Umgestaltung, Klärung und Durcharbeitung, mit einem Worte, in der wichtigen Krise, in welcher das Judenthum sich befindet und aus der es sich energisch und erfolgreich herausarbeitet zu einem frischen und schönen Fortleben, zu einer neuen weitreichenden Einwirkung in die Entfaltung des Menschengeschlechts, da können wir keinen begabten Sohn Israels ohne die Forderung lassen, daß er auch dem Boden, in welchem seine Wurzeln trieben, ans welchem er seine ersten Kräfte zog, welcher ihn in seiner ursprünglichen Art bestimmte und ihm von seinem Geiste und Charakter gab, dankbar und anerkennend einen Theil seines Talents und seiner Anstrengung widme und zurückgebe. Wir können und müssen von dem Manne der Wissenschaft verlangen, daß er der Wissenschaft des Judenthums nicht ganz fern bleibe, von dem Rechtsgelehrten und Staatsmann, daß er sich der Rechte des Judenthums annehme, von dem Industriellen, daß er willig einen, wenn auch nur geringen Theil seiner errungenen Schätze der Förderung des Judenthums spende, von dem Dichter, daß seine Harfe nicht ganz dem Liede Zions schweige, von dem Künstler, daß er seinen Griffel, seinen Pinsel, sein Instrument auch der Verherrlichung und Weihe des Judenthums nicht ganz entziehe. Wir können und muffen dies verlangen, und wenn jene diesen Zoll verweigern, den sie ihrem Glauben und Stamme schulden, so steht es uns zu, ihnen ihren anderweitigen Lorbeer zu lassen, aber ihn unsererseits als unverdient anzusehen und den Meister als für uns nicht bestehend zu betrachten, als einen Fremden, den wir als Menschen bewundern, den wir als Juden aber mit gleichgiltigen und kalten Augen betrachten. Am wenigsten geziemt es uns, um seinen Sarg noch eine eigene Gratification zu legen, die er bei Lebzeiten gar nicht zu achten gewußt. Denn wenn wir oben von dem Verdienste des Beispiels sprachen, so können wir auch davon die Kehrseite nicht übersehen. Das Beispiel solcher Männer wirkt auch schädlich, ja gefährlich für uns. Wenn die Jünger sehen, daß der Meister sich so gänzlich dem Judenthume entfremdet hat, daß er jede Berührung mit ihm scheut, jede Beziehung zu ihm zurückweist, jede Wirksamkeit für