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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-05-10 · Heft 20 (10.5.1864) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 20 (10.5.1864)
Date
1864-05-10
Page
Seite 304 (sequence 6)
Language
German
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304 zu gebieten und seinen Jüngern willkürlich zuzurufen: Bis hierher und nicht weiter! Im letzteren Falle bleibe man bei der alten Jeschiba stehen und überlasse die Sache sich selbst. Unserer Ansicht nach hat eine Rabbinerschule lediglich für den tüchtigen, gründlichen und wissenschaftlichen Unterricht in den rabbinischen Disciplinen nach deren ganzem Umfange zu sorgen, aber zugleich die Wege für die anderweitigen Zweige der wissenschaftlichen Bildung, für klassische, philosophische und historische Bildung offen zu erhalten. Aus diesem Grunde können wir uns eine wirksame Rabbinerschule, die auf die Dauer bestehen soll, nicht anders als in einer Universitätsstadt denken, und so eingerichtet, daß ihre Schüler nach Erreichung eines gewissen Zieles die Gelegenheit haben, zu gleicher Zeit die Vorlesungen an der Universität zu besuchen. Hierbei bleibt der Direction der Rabbinerschule noch Raum genug, diese Universitatsstudien ihrer Schüler zu regeln. Aus gleichen Gründen würden wir es vorziehen, wenn die Rabbinerschule die übrigen Wissenschaften nicht in ihren Lehrplan einschlösse, da sie dies doch nur in ungenügendem Maße vermag und von ihren Geld- und Zeitmitteln, die doch nur beschrankt sind, allzu viel darauf zu verwenden hätte. Vielmehr da jede Rabbinerschule bei den auszunehmenden Schülern ein gewisses Maß hebräischen und talmudischen Wissens schon fordert und fordern muß, so muß dies auch hinsichtlich der anderweitigen wissenschaftlichen Vorbereitung der Fall sein. Die Rabbinerschule ist nicht für Knaben, sondern für schon reifende Jünglinge bestimmt. Zerstreute Bemerkungen. Wie ist doch der Mensch so ganz aus der Natur herausgelöst und auf sich selbstgestellt! Meinem Freunde wurde in der Zeit des Winters ein liebliches Kind geboren und die Lenzesfreude überzog ihm die schneebedeckten Fluren mit einer Blüthenfülle des innigsten Glückes und mitten durch den eisigen Nordsturm schlug ihm die Nachtigall der Liebe in süßen Melodien. Aber als der Frühling gekommen, hatte er einen Sohn unter den grünen Rasen und die duftenden Blumen zu betten und all der goldene Schimmer, mit welchem die Natur sich geschmückt, war ihm mit dem dunkelsten Trauermantel verhüllt und aus dem treibenden, wogenden Leben starrte ihm nur der eisige Tod entgegen. — So kommt es oft genug, daß der reine, blaue Himmel uns mit den schwärzesten Wolken überzogen erscheint, während zu anderer Zeit der ganze Himmel uns anlächelt, obschon ihn das düstere Gewölk befährt, „das immer wiederkehrt, wenn es abgezogen." — Aber Geduld! Siehst du, so übereinander geschichtet die grauen Wolken an deinem Himmel auch stehen, eben öffnen sie sich in deinem Zenith ein wenig, daß der blaue Himmel darüber erscheint, und nicht lange, sie sind hinweggefegt und auf das befeuchtete und befeuchtete Land strahlt die Sonne herab, die in zahllosen Tropfen bunte Regenbogen der Freude schafft. Darum aber sei auch gewarnt, denn wie sich das reine Azur über deinem Haupte wölbt, dort, an jenem Saume, steigt eine kleine Silberwolke herauf mit schwarzem Mittelpunkte, und diese ist es, welche auf den Flügeln des Windes bald deinen ganzen Horizont überschattet haben wird. Auch Judenheit und Judenthum haben von jeher viele Undankbarkeit erfahren, und auch in unserer Zeit bleiben sie nicht davon verschont. Wir wollen nur einen Zug hervorheben. Nicht selten sahen wir Jünger der Wissenschaft, Gelehrte, Künstler, Dichter, Literalen spöttisch den Mund verziehen und die Achsel zucken, wenn die Rede war, auch für ihre Glaubensgenossen zu wirken, anch auf jüdischem Gebiete zu arbeiten, auch unter den Juden sich Ruf und Anerkennung zu verschaffen. Es versteht sich, daß es sich hierbei nicht um eine ausschließliche Thätigkeit auf diesem Gebiete handelte. Nun, diese Männer werden es einst erfahren, daß sie sich getäuscht haben. Sagen wir es offen heraus, wodurch ist Mendelssohn unsterblich geworden? Was hat ihn auf immer verewigt? Was bereitet ihm heute noch für Jahrhunderte die allgemeinste Verehrung? Nicht, daß er den „Phädon" und die „Briefe über die Empfindungen" geschrieben — bei allem Werthe würden ihm diese doch nur einen bescheidenen Platz in der Specialgeschichte der deutschen Literatur verschafft haben — sondern nur, daß er Jude war, als Jude wirkte, für das Judenthum mit allen Kräften rang und arbeitete. Wie lange wohl würde der Name Rießer's noch genannt werden, wenn er blos als Jurist und Politiker bekannt wäre und sein wesentliches Verdienst nicht in der Verfechtung der Rechte, auf welche Judenthum und Jude Anspruch haben, bestünde? — Fürwahr, diese Männer sind so zu Ecksteinen stattlicher Bauwerke geworden, während sie in dem großen Ge-

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