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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-05-10 · Heft 20 (10.5.1864) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 20 (10.5.1864)
Date
1864-05-10
Page
Seite 303 (sequence 5)
Language
German
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m einer ändern Meinung zugefügl werden sollte. Wenn z. B. in diesen Blättern während der jüngsten Zeit gegen die sog. orthodore Seite unserer Glaubensgenoffenschaft polemisirt wurde, so geschah es niemals, als wenn die Herausforderung von dieser Seite ausging, als wenn die Fanatiker und Zänker alle Bestrebungen unserer Zeit angreifen, beseitigen und erdrücken wollten. Es hat aber oft genug in unserer Laufbahn Momente gegeben, wo wir für die gerechten Forderungen der aufrichtigen Orthodoxen eintraten; es gab Zeiten, wo in den maßgebenden politischen Kreisen die Ansicht herrschte, die bürgerlichen Rechte mit der Elle der innern Reform für die Juden zu bemessen, und wir haben mit aller Entrüstung jedes bürgerliche Recht zurückgewiesen, das nicht allen unseren Glaubensgenossen ohne Unterschied zukäme; es gab Zeiten, wo in einigen Staaten die politische Macht die jüdischen Reformen erzwingen wollte, und wir sind solchem Gebühren mit allen Kräften entgegengetreten. In diesem Sinne betitelten wir diese Zeitung und in diesem Geiste werden wir sie fortführen, solange die Vorsehung uns dies gestattet. Freilich hat uns die Erfahrung gelehrt, daß es nur vergebliche Erwartung sei, man könne und dürfe einmal die polemische Feder niederlegen; der Streit bricht immer wieder von einer andern Seite hervor. Ist dies aber einmal der Fall, so möge auch der Geist des Rechtes und der Wahrheit beistehen, der dann schließlich doch zum höheren Frieden führt. Das ungarische Rabbinerftmmar. n. Zwei Fragen sind es zunächst, die bei der Organisation jeder Rabbinerschule hervortreten: soll dieselbe in einer Universitätsstadt und so hergestellt werden, daß ihre Schüler auch zugleich die Universität besuchen können, oder soll sie ein für sich abgeschlosienes Ganzes bilden und an einem kleineren Orte bestehen? Alsdann: sollen die anderweitigen wissenschaftlichen Disciplinen in ihr gelehrt oder von ihr vorausgesetzt werden? Es liegt leider in der Strömung unserer Tage, daß, wo irgend ein Institut nach dem Bedürfnisse einer freieren geistigen Bewegung und einer höheren Bildung geschaffen wird, sogleich wieder so viele Beschränkungen, so starke Wälle und Mauern darum gebaut werden, daß jenes seinem Zwecke nur in mäßiger Weise entspricht. Die Gründe hierzu, wodurch unserer Zeit und allen ihren Unternehmungen der Charakter der Halbheit und Lahmheit so sehr ausgeprägt wird, liegen theils in der Furcht vor den Extremen, die sich allzusehr gezeigt haben, theils aber auch in dem Umstande, daß, weil jeder neuen Schöpfung sofort eine thätige Opposition entgegentritt, man diese durch einige Concessionen zu gewinnen glaubt. Die Erfahrung hat dieses letztere als eine Täuschung erwiesen, denn die Gegner sind so schroff, daß sie nur zurückstehen, wenn sie alles bekommen oder nichts erreichen. Auch die Bemerkung wolle» wir gleich anfügen, daß erfahrungsmäßig daS Versetze» von Seminarien und ähnlichen Anstalten nach kleinen Plätzen, um die Schüler, wie man sagt, vor den Zerstreuungen einer großen Stadt zu sichern, zwecklos und zweckwidrig ist. Jeder Sachkundige weiß z. B., daß gerade auf den kleineren deutschen Universitäten die Studenten sich am meisten den Zerstreuungen, Ausschreitungen und dem Nichtsthun ergeben, während sie dann die letzten Semester nach Berlin u. s. w. zu angestrengten Studien gehen, so daß eS Thatsache ist, daß aus den großen Universitäten ungleich mehr gearbeitet wird und ein viel regerer wissenschaftlicher Geist herrscht als auf den kleine». Ist daher sonst nur eine angemessene Disciplin vorhanden, so hat es, noch dazu bei den Vermögensverhältnissen der meisten solcher jüdischen Seminaristen, mit den Zerstreuungen der großen Orte nichts zu sagen. Dagegen hat es nicht wenig zu bedeuten, daß diese Seminaristen aus der Zurückgezogenheit und dem Stillleben kleiner Plätze so ohne alle Weltkenntniß, ohne alle gesellige Beweglichkeit, ohne alle Berührung mit der Mannigfaltigkeit der jetzigen Lebensverhältnisse hinausziehen, daß, wenn sie in das Amt kommen, den unangenehmsten Nachtheilen und Hindernissen ausgesetzt sind und oft ihr ganzes Leben hindurch hieran zu laboriren haben. In der That glauben wir, daß ein für sich abgeschlossenes, für sich vegetirendes Rabbinerseminar bald einen so mönchischen und asketischen Charakter annehmen, einen so beschränkten Geist erhalten werde, daß seine Existenz fortzuwünschen wäre, daß es, anstatt eine Pflanzschule lebensvoller, wiffensreicher und befähigter Lehrer zu werden, nur neue Mißbildung, Beschränktheit und Verkehrtheit hervorbringen werde. Man täusche sich nicht, entweder man will Wissenschaft, wissenschaftliche Bildung, wissenschaftliches Leben für die jüdischen Theologen und Lehrer, oder nicht. Im ersteren Falle vermag man eS nicht, auf halbem Wege Stillstand

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