Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 20 (10.5.1864)
- Date
- 1864-05-10
- Page
- Seite 302 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Ihum bestanden ohne jede Polemik und indem es ruhig trug, was ihm auferlegt wurde. Aber diese Jahrhunderte des schweigsamen Erduldens hindurch waren ja auch die Jahrhunderte der Ausschließung und des Druckes, die nicht mehr bestehen und nicht mehr ertragen werden sollen. Die Zeilen sind eben anders geworden und wer sich nicht wehrt, wer Angriffe und Beschuldigungen, wer Ungerechtigkeiten und Schmähungen ruhig hinnimmt, setzt sich diesen nicht allein aus, sondern hat ihren Anwachs noch immermehr zu fürchten. Principiis obsta! ist die alte Regel, und wer sich dem A und dem B wehrlos ergibt, darf sich nicht wundern, wenn das ganze ABC bis zum Z über ihn ergeht. Auch darf man niemals übersehen, daß in jedem Streite, selbst wenn er local und persönlich ist, die allgemeinen Principien enthalten sind und daß jedes Unrecht und jeder Ärrthum, selbst wenn sie gegen den Einzelnen gerichtet sind, doch nur wieder das Recht aller und die allgemeine Wahrheit verletzen. Die Polemik war und ist unumgänglich, weil durch sie nicht nur fernerem Unheil kräftig entgegengetreten, sondern auch weil durch sie das Bewußtsein des Rechts und der Wahrheit geweckt und gestärkt, die gründlichere Prüfung und Untersuchung sowie eine umfassendere Beweisführung angeregt wird. Diese Ziele sind es, welche auch dem an sich Friedfertigsten den Kampf nicht selten zur dringendsten Pflicht machen; diese, welche den Streit zu einem unentbehrlichen Hebel des Fortschritts gestalten; diese aber auch allein, welche die Polemik rechtfertigen, aus ihr gute Erfolge erzielen lassen und unsere Weisen zu dem Ausspruche veranlassen, daß jeder im Namen des Himmels geführte Streit besteht, d. h. gerechtfertigt und von guten Folgen begleitet ist. Wie oft wird daher Schweigen für Zugestehen genommen. Es ist aber auch jener Einspruch nicht einmal ganz richtig. Wenn unsere Väter gegen die Unbille von außen sich ruhig verhielten, so geschah es zumeist, weil jede Entgegnung von ihnen durch brutale Gewalt bestraft worden wäre; nach innen hörte die Polemik niemals auf und wir erinnern, um nicht weiter zurückzugreifen, nur an die heftigen Kämpfe zwischen Eibeschütz und Emden, wo sogar die politische Macht nicht ohne Anrufung blieb. Und doch lag auch in ihnen ein Kampf der Principien, der noch jetzt nicht geschlichtet ist und vielleicht später erst zum vollen Ausbruch kommt, der Kampf der Orthodoxie mit der Kabbala (Chassidismus). So sehen wir denn allerdings während der verflossenen Jahre auf eine lange Reihe von Kämpfen und polemischen Streitigkeiten zurück. Daß sie nicht ohne Erfolge geblieben, drängt sich einem jeden auf, der das Jetzt und das Damals miteinander vergleicht, und wenn es auch niemandem, uns selbst am wenigsten einfallen kann, das Erreichte als Ergebniß jener anzusehen, so haben sie doch kräftig mitgewirkt und finden hierin ihre volle Rechtfertigung und ihren Werth. Demungeachtet haben wir sie immer ungern geführt, haben niemals, soweit unser Wissen geht, dazu geradezu herausgefordert, haben uns, soweit wir nur irgend sahen, der Aufrichtigkeit, der Ueberzeugungstreue, der Wahrheitsliebe befleißigt, sind persönlichen Jntriguen stets feindlich gewesen, haben persönliche Einflüsse niemals zur Hilfe gerufen und der Personen gänzlich vergessen, wenn der Streit zu Ende war. Wir glauben hierfür Beweise heranzubringen nicht zu brauchen, denn sie liegen entweder in der der Veröffentlichung gegebenen Streitführung oder nicht; sie liegen in dem Stillschweigen, mit welchem wir jederzeit die auf unsere Person gehäuften Schmähungen und lügenhaften Verdächtigungen beantworteten. Es kann sein, ja es ist sogar wahrscheinlich, daß wir bisweilen in der Hitze des Gefechtes etwas zu scharf einhieben und den Gegnern eine größere Wichtigkeit und eine höhere Tendenz beilegten, als sie besaßen. Aber unser Wille und unsere Absicht war dies nie. Vielmehr gereichte es unserm friedfertigen Charakter stets zur Genüge, wenn die Streitsache fallen gelassen und Zeit und Raum zu positiven Schöpfungen und realer Thätigkeit gegeben wurde. Wir können uns hierbei dreist auf das Urtheil derer, welche nicht blos nach dem Scheine urtheilen, sondern dem Gange der Dinge tiefer nachforschen, berufen. Es kam uns stets auf das Recht und die Wahrheit an und wir haben uns keiner Partei hingegeben, um das Unrecht, daS auch sie that, zu beschönigen. Das ungestörte und unbedrückte Bestehen jeder Ansicht, sobald diese eben auf nichts weiter Anspruch machte, wurde von uns vertheidigt, und nur wo diese zu Beschränkungen und Bedrückungen anderer Meinungen auftrat, bekämpften wir sie. Wir haben dieses Blatt „ein unparteiisches Organ" genannt und glauben mit Recht noch heute Anspruch darauf machen zu können. Nicht als ob wir unsere eigenen Ansichten jemals zurückgehalten hätten und nicht wüßten, daß sie den Meinungen vieler nicht entsprechen, sondern weil wir einer parteiischen Darstellung der Thatsachen niemals uns wissentlich zuneigten, den berichtigenden Entgegnungen niemals Widerstand leisteten und jedes Unrecht bekämpften, das den Gegnern oder den Anhängern