Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 20 (10.5.1864)
- Date
- 1864-05-10
- Page
- Seite 301 (sequence 3)
- Language
- German
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SOI söhnt der Versöhnungstag nicht; das heißt doch nichts anderes, als daß der Bersöhnungstag an sich die versöhnende Kraft nicht habe und daß der Glaube an die Bersöhnungskraft dieses Tages allein nicht versöhne.*) So erhaben also die Institution des Versöhnungstages ist, so wirksam und segensreich sie für die Bekenner des Iudenthums war, ist und bleiben wird, so wohnt doch gerade ihr jener Grundgedanke des Judenthums ein, daß Reue und Besserung die eigentlichen und alleinigen Bedingungen der Vergebung unserer Sünden sind. Vergebens wird man sich auch etwa auf Jeschajah Kap. 53 berufen, wo der Prophet die Völker in der Erkenntniß ihrer früheren Verirrungen und Entartung die Leiden des Volkes Israel als für sie und um ihrer Sünden willen von ihm getragen und erlitten aussagen läßt. Der Prophet will hier zeigen, in welchem Lichte Israel den Heiden erscheinen werde, wenn sie zur Erkenntniß gekommen sein werden. Sie erkennen, daß Israel, seine Leiden und seine Erlösung die Werkzeuge Gottes waren, um die Völker zur Erkenntniß zu führen; sie sehen darum die Leiden Israels als für sie getragen an und beachten nicht, daß, abgesehen von diesem höheren Zwecke Gottes, doch auch die Israeliten ihr Geschick durch religiösen und sittlichen Abfall erwirkt und verdient hatten, was der Prophet an anderen Stellen so oft und nachdrücklich hervorhebt. Es gibt unseres Wissens keine Stelle in der heilig. Schrift, worin als die Wirkung des Messias die Sündenvergebung hervorgehoben wird, sondern überall die Erkenntniß Gottes, die Befreiung von jedem Jrrthum und Wahn, von jedem Joche und Unrecht, die Erfüllung des göttlichen Willens, die Gerechtigkeit und der Frieden. So lebt die Messiasidee, in welcher Art sie concret auch aufgefaßt werde, im ganzen Judenthume. Um nur noch ein Beispiel heranzubringen, das uns soeben in die Hände fällt, verweisen wir auf Folgendes. Es ist bekannt, daß durch die Untersuchungen Bleek's, Möhler's, Alexanders und Friedlieb's es außer allen Zweifel gebracht ist, daß das dritte Buch der Sibyllinen einen jüdischen Verfasser hat und daß dieser zur Zeit der Triumvirn Antonius, Oetavian und LepiduS schrieb.**) In *) Der bekannte Satz: D-nissn ü'ti aan« ‘iDieer "M272 o^-nöDn DT' v« "ibdw, Mischna Joma 8, 9. **) Bgl. auch Grätz's Geschichte der Juden Bd. III. S. 492 und die soeben erschienene Broschüre: „Die jüdische Sibylle. Vortrag von Dr. Samuel Mühsam. Wien, 1864." diesem Buche kommt der Verfasser wiederholt auf die Messiaslehre und schildert das messianische Reich folgendermaßen: „Dann wird die Erde die herrlichsten Früchte Hervorbringen an Weizen, Wein und Oliven, — Milch und Honig werden fließen und die Städte gefüllt sein mit mannigfachen Gütern. Nicht wird mehr Krieg fein auf Erden, — nicht wird Trockenheit den Boden verderben, nicht wird Hunger mehr sein und nicht zerstörender Hagel; — ein tiefer Frieden lagert folgenreich auf dem weilen Erdenrunde, ein König ist dem andern Freund für ewige Zeiten; — die ganze Menschheit wird nach ein und demselben Gesetze regiert von dem unsterblichen Gotte: denn er ist ein ewiger Gott und außer Ihm keiner." „Dann wird Gott ein ewiges Reich errichten für alle Menschen der Erde, — was Er verheißen, gewähren den Frommen und Gerechten: die Erde und die Welt, das Heil und die Freude in unbegrenztem Maße; — von der ganzen Erde wird man Geschenke bringen und Weihrauch zu dem einen Tempel, der hienieden nimmermehr seines Gleichen wird haben. — Das hohe Gebirg ist wiederum fahrbar, — eine Heerstraße die brausenden Wogen des Meeres: — denn die Propheten des großen Gottes haben als gerechte Richter der Menschen das Schwert vom Erdenballe verbannt; sicher durchschreitet man das Land, das liefen Frieden athmet zum Heile der ganzen Menschheit." Unsere Gesinnung. Es war eine schwere Bürde, die wir vor 27 Jahren mit der Gründung einer jüdischen Publicistik auf unsere Schultern nahmen, da mit ihr nothwendigerweise eine sich immer erneuende Reihe von Kämpfen nach außen und innen verbunden war, da, ohne diese zu bestehen, die Aufgabe jener gar nicht gelöst werden kann. Die jugend» liche Manneskraft nahm dies auf sich, weil es bei den anzustrebenden Zielen einmal nicht zu vermeiden stand. Aber stets war dies die unangenehmere Seite der Arbeit und immer von neuem gehen wir nur ungern daran, immer von neuem regt es unser schmerzliches Bedauern auf. Es gibt Leute, die glauben, daß die Polemik jüdischerseits durchaus überflüssig, ja, daß es vorzuziehen sei, stillzuschweige». Jahrhunderte hindurch habe das Juden- 20»