Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 19 (3.5.1864)
- Date
- 1864-05-03
- Page
- Seite 290 (sequence 8)
- Language
- German
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290 sie einen entscheidenden Einfluß auf die Wahl von Rabbinen u. s. w. gehabt haben? Man lasse sich also von dem Geräusch, welches sie machen, nicht täuschen, denn es ist gar nichts dahinter. Sie mögen vielleicht hier und da durch den Staub, den sie aufwirbeln, lästig fallen, hemmen und hindern; aber das wird sich überall in Kürze verziehen. — In Deutschland erfolglos, haben sie sich jetzt nach Ungarn geworfen. Wir fragen, warum nicht nach Galizien, wo doch die ungeheure Mehrzahl der Juden der Orthodoxie noch völlig angehört? Sehr einfach, die polnischen Juden besitzen zu vielen Scharfsinn und zu tüchtiges talmudisches und rabbinisches Wissen, um sich von diesen halbschlächtigen Menschen, die mit einer halben wissenschaftlichen Bildung nur ein halbes Maß talmudischer Kenntnisse verbinden und auf beiden Gebieten nur pfuschen, irgendwie täuschen zu lassen. Die ungarischen Juden aber bieten selbst nur ein ähnliches Bild dar und die nach beiden Seiten hin unwissende Masse läßt sich da viel eher irremachen. Und dennoch sieht man, daß sie auch hier keinen rechten Boden finden und in kurzer Zeit gerade von der wirklich orthodoxen Seite eine starke Opposition gegen sie sich bilden wird. Ihr Blatt theilte uns mit, daß die Rabbinen, welche jüngst gegen Mannheimer protcstirten, von anderen ungarischen Rabbinen mit dem Bann belegt worden sind, weil sie deutsch schreiben. Dies wird nun freilich unter den 148 nur eine geringe Zahl treffen, denn die meisten von ihnen sollen wirklich deutsch weder lesen noch schreiben können. Aber es charakteristrt doch den dortigen Zustand der Dinge und zeigt, wie die aus Deutschland hinausgeworfene und nach Ungarn geflüchtete Hhperorthodoxie in die Klemme geräth. Und so ist es leicht vorauszusehen, daß die ganze Fraubaserei bald ihr Ende erreicht haben wird. Glauben Sie daher auch nicht, daß diese Leute einen nachhaltigen Einfluß auf die hiesigen Verhältnisse erlangen werden. Mögen sie ihre Versuche nur machen; jeder Schritt von ihrer Seite stellt sie nur bloß, und scheuen sie sich nicht zu versuchen, auf heimtückische Weise die Gunst höheren Orts und dadurch eine Machtentscheidung zu erlangen, so führt dies nur zu ihrem eigenen Verderben. Es gelingt ihnen nicht, nach oben zu täuschen und im Schoße der Gemeinde wecken sie nur Abscheu. Thorn, 20. April. (Privatmitth.) Mit Recht widmet Ihr Blatt eine besondere Aufmerksamkeit dem an so vielen Orten neuaufblühenden jüdischen Schulwesen. Aus dringendem Bedürfnisse hervorgegangen, mit beschränkten Mitteln ausgerüstet, aber mit desto mehr Vorurtheilen und Hindernissen kämpfend, bedarf eine jüdische Schule besonderer Liebe und Pflege. Auch hier besteht unter Leitung des Rabbiners vr. Rahmer seit 2 Jahren eine jüdische Elementar- und Religionsschule, die am 17. dies, ihre öffentliche Prüfung hielt und die tüchtigsten Leistungen in allen Fächern erwies. Der desfallsige „Erste Bericht" spricht sich über die Organisation der Schule aus, und wenn wir auch mit mancher darin ausgestellten Behauptung und Einrichtung nicht übereinstimmen, so wollen wir doch nicht mäkeln, wo das Gute so sichtbar angestrebt wird. Die Elementarschule begann vor zwei Jahren mit 21 Schülern und zählt jetzt 30, die Religionsschule mit 32 Knaben und 54 Mädchen und zählt jetzt 44 Knaben und 73 Mädchen, was die Steigerung des Vertrauens auf diese Anstalten in der Gemeinde erweist. Bonn, 25. April. Die Redaction erhält in Bezug auf den Artikel d. d. Berlin 30. März in No. 16 Seite 241 eine Zuschrift, in welcher eS nach dem Eingänge heißt: „Auf Ehrenwort kann ich Ihnen aber versichern, daß, als mir die Adresse von einem mir befreundeten Herrn zur Unterschrift vorgelegt wurde, ich mich nur zu derselben unter der Bedingung bereit erklärte, wenn aus dem Inhalt sowohl jede politische als religiöse Parteidemonstration fern bleibe. In der That enthält die Adresse auch nichts weiter als einen treugemeinten Glückwunsch zu Sr. Majestät Geburtsfest, „zu welchem sich die Unterzeichner um so aufrichtiger gedrängt fühlen, als solcher in eine Zeit fällt, wo Allerhöchstderselbe sich in einem Kriege, unternommen für die Befreiung eines deutschen Bruderstammes, befand." Den Ausdruck „orthodox" und überhaupt „Israelit" hätte ich lieber nicht gewünscht, da er aber einmal dastand, so braucht dies noch kein Grund zu sein, seine Unterschrift zu verweigern. Die Behörden verstehen meines Erachtens unter „orthodoxen Juden" gar nicht einmal die Echtgläubigen, sondern nur solche, welche das althergebrachte Ceremonialgesetz noch beobachten — und was mich betrifft, so gestehe ich niemandem außer unserm lieben Herrgott ein Urtheil darüber zu, wer eigentlich der Richtig-Gläubige sei??