Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 19 (3.5.1864)
- Date
- 1864-05-03
- Page
- Seite 287 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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287 leriatten ist wahrlich auch hier kein Mangel, auch die Israeliten in Kurland und Mitau verleugnen im Grunde genommen jenen ihren sämmtlichen Glaubensgenossen aller Welttheile angeborenen Charakter des Edlen und Guten nicht, auch hier bekennen sie sich zu den 'hw ö'-iöh, und auch hier, selbst unter der Kruste von so manchen eingewurzelten Voruriheilen, schlagen im Grunde genommen echt jüdische Herzen, die bei gewissen Veranlassungen nicht minder wie ihre übrigen auswärtigen Glaubensgenossen in jüdischer Art und Weise zu fühlen, zu denken und zu handeln im Stande wären; nur sind diese guten Eigenschaften hier meistens unter Schutt, welchen Jahrhunderte des Druckes und der Mangel an gehöriger Erziehung und Ausbildung angehäuft haben, vergraben, müssen also geweckt und auf den rechten Weg geleitet werden. Deshalb, Ihr Erleuchteten und Bessergesinnten, besonders Ihr Männer in Israel, die Euch die göttliche Vorsehung kraft Eurer Erfahrung und Kenntnisse, Eures Amtes und Berufes zu Leitern des Volkes bestellt hat, lasset Euch in Eurem Eifer zur Verherrlichung unseres Glaubens und zur Veredelung unserer Glaubensgenossen nicht abschrecken, selbst wenn Eure Bemühungen scheinbar keinen sichtlichen Erfolg haben sollten; denn wahrlich, die Saat, die Ihr säen werdet, kann unmöglich verloren gehen, sie wird und muß aufgehen zur bestimmten Zeit Korn für Korn. Fahret also unermüdet fort, nach Kräften für das Wohl der Gemeinde zu arbeiten und zu schaffen, Mängel nicht nur unparteiisch auszudecken, sondern nach Möglichkeit sie auch verbessern zu Helsen; schafft eine anständige Synagoge, läutert den Gottesdienst, kräftigt die Schule, regelt die socialen Institutionen und kämpfet überhaupt gegen Unwissenheit und Vorurtheil, wozu nächst Gott auch unsere weise Staats-Regierung hilfreiche Hand gern bietet — und gewiß: es wird alsdann auch hier besser werden. — Einige kritische Sticke auf Zweck und Grund der Gesetze nach Maimonides. lSchluß von VI.) Wieweit man mit dem bloßen Utilitätsprincip in der Auffassung und Erklärung der heiligen Geräthe in der Stiftshütte und im Tempel kommt, zeigt uns das Beispiel des Maimonides in dem weitern Verlaufe des 45. Abschnittes. Bon dem Leuchter sagt er, daß „ein Gebäude, welches beständig beleuchtet und mit einem Vorhänge behängt ist, die Seele mit heiliger Scheu erfüllt." Hinsichtlich des Tisches und des Brotes, das beständig darauf liegen mußte, erklärt er keinen Grund zu wissen, sowie daß der Altar nicht von behauenen Steinen gemacht werden solle, weil die Götzendiener dies thun. Der letztere Grund wiegt ihm, wie wir aus dem 46. Abschnitt ersehen, bei allen Verordnungen über die Opfer vor, wobei es ihm dann begegnen muß, daß es ihm unbegreiflich erscheint, daß Wein geopfert werden sollte, was doch die Götzendiener längst gethan hätten. So endlich erkennt er den Zweck des täglich zweimaligen Räucherns darin, daß dadurch der von dem verbrannten Opferfleische verbreitete üble Geruch beseitigt werde. Mit diesen Erklärungen gelangen wir aber in der That nicht weit. War doch gerade im Allerheiligsten ein ewiges Dunkel verbreitet und vor diesem Raume sollte „die heil. Scheu" am stärksten sein. Daß das wenige Licht, das die brennenden sieben Lampen in einem Raume von zwanzig Ellen lang, zehn Ellen breit und zehn Ellen hoch verbreiteten, keinen besondern Eindruck machen konnte, noch dazu, da es blos von dem Priester gesehen ward, der im Heiligthume den Dienst zu verrichten hatte, ist einsichtlich. Und wozu sollte es beständig nachts wie tags brennen, da des Nachts niemand das Heiligthum betrat? Wie könnte ferner behauptet werden, daß der Geruch der Handvoll Räucherwerk, die täglich zweimal auf dem Räucheraltar im Heiligthume verbrannt wurde, den Geruch der Brandopfer, die auf dem Altar im Hofe dargebracht wurden, beseitigen sollte? Das wäre fürwahr ebenso viel Wunder wie die talmudische Sage, die das Räucherwerk schon von Jericho an riechen ließ (Tamid 30, 2.). Es geht vielmehr gerade aus diesen Deutungsweisen die Nothwendigkeit einer symbolischen Auffassung umsomehr hervor. Fassen wir das letztere zunächst ins Auge, so sehen wir, daß der Hohe Priester am Versöhnungstage zwei Hände voll des kleinstgestoßenen Räucherwerks in das Allerheiligste bringen und es auf die Pfanne legen mußte, „daß die Wolke des Räucherwerks die Sühnplatte über dem Zeugniß bedecke, damit er nicht sterbe." Dann erst nimmt er die eigentliche Sühnung vor (3 Mos. 16, 12. ff.). Am Versöhnungstage sowie von jedem für ein Vergehen gebrachtes Schuldopfer mußte vom Blute des Opferthieres an die Hörner des Räucheraltars gebracht werden (2 Mos. 30, 10. 3 Mos. 4, 7. 16, 18. 19.).