Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 19 (3.5.1864)
- Date
- 1864-05-03
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
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284 mit Befriedigung sagen, daß die k. k. Staatsregierung bis jetzt in der Angelegenheit des Rabbinerseminars den gerechtesten und einsichtsvollsten Weg verfolgt hat. Man hat so oft nach einer Rabbinerlehranstalt verlangt, so oft den Mangel einer solchen für die Quelle vieler Uebelstände ausgegeben, daß sie nach reiflicher Erwägung zu dem Beschlüsse kam, den allgemeinen Wünschen hierin nachzugeben. Sie hatte schon früher die preßburger Jeschiba als eine Rabbinerlehranstalt, da sie dieselbe bestehend vorfand, bestätigt und mit dem Privilegium, deren Schüler vom Militärdienste zu befreien, versehen. Nun aber erhob sich von allen Seiten die Klage, daß diese Jeschiba nichts weniger als geeignet sei, Rabbiner für die Bedürfnisse unserer jetzigen Gemeinden zu bilden. Dies lag so sehr auf der Hand, daß die Regierung sich dieser Einsicht nicht verschließen konnte. Kam doch auch hinzu, daß der Besuch der preßburger Jeschiba gemißbraucht wurde, um sich dem Militärdienst zu entziehen, so daß eine Verordnung diesem einen Riegel vorschieben mußte. Man sagte mit Recht, wenn die preßburger Jeschiba wirklich Rabbiner für unsere Zeit zu bilden vermöchte, warum nicht auch jeder andere Rabbiner, wie dies zu allen Zeiten stattfand, wo es nur auf die Autorität ankam, welche sich ein Rabbiner durch seine Gelehrsamkeit und Frömmigkeit erworben, um zahlreiche Schüler um sich zu versammeln? Aber der Unterschied, der zwischen einer Jeschiba und einer Rabbinerschule nach dem gegenwärtigen Standpunkte und Bedürfnisse besteht, liegt darin, daß in der ersteren der Talmud nach der alten mechanischen Weise und vorzugsweise für den Pilpul gelehrt wird, während in der letzteren der Talmud wissenschaftlich und methodisch behandelt, die in ihm enthaltenen Disciplinen systematisch vorgetragen und die praktischen Zweige des geistlichen Amtes, z. B. Homiletik, damit verbunden werden. Allerdings beruht dies sowohl bei den Lehrern als bei den Schülern auf einer wissenschaftlichen Bildung überhaupt, und es ist nun eine secundäre Frage, ob die Erlangung der letzteren vom Rabbinerseminar dargeboten oder vorausgesetzt werden solle. Daß es nun in Ungarn noch Gemeinden gibt, welche mit Rabbinern, die auf der Jeschiba erzogen worden, zufrieden sind, wollen wir durchaus nicht verneinen. Aber ebenso wenig kann es geleugnet werden, daß eine ungemein große Zahl von Gemeinden wissenschaftlich gebildete Rabbinen, die für Synagoge und Schule zu wirken vermögen und durch ihre wissenschaftliche Bildung ebenso wie durch ihr theologisches Wissen Achtung gebieten, zu haben wünschen und ihrer nicht mehr entbehren können. Wir stellen uns hier vollständig auf den objecriven Standpunkt und fragen dann: Können nun mit Recht und im Geiste wahrer Religiosität die einen verlangen, daß um ihretwillen die Wünsche und Bedürfnisse der großen Zahl der anderen unbefriedigt bleiben? daß Synagoge und Schule verwaisen und zerfallen sollen, weil sie das weder genießbar noch wirksam noch erträglich halten, was ihnen von innen dargeboten werden kann? Wenn also für den Unterricht der Rabbinen von der alten Richtung und Beschäftigung durch die preßburger Jeschiba gesorgt ist, wenn es jedem andern Rabbinen freisteht, Schüler um sich zu versammeln: wie kann man sich noch das Recht anmaßen wollen, dem Plane der Regierung, eine wissenschaftliche Rabbinerschule zu gründen, entgegenzutreten? Will man alles für sich und nichts für andere haben? Wie kam es denn, daß in allen Ländern die Errichtung ordentlicher Rabbinerschulen eine Nothwendigkeit wurde? Doch nur, weil die Lehrstühle der alten Rabbinen verlassen und vereinsamt waren, weil sie keine Schüler mehr fanden. Und dies geschah wiederum doch nur, weil die Rabbinen stehen geblieben, in ihrer mittelalterlichen Methode verharrten, so daß ihre Jünger, wenn sie in die Welt traten, sich verloren fanden und alle Verknüpfungspunkü mit den Bedürfnissen der Gemeinden ihnen abgeschnitten waren. Was denken sich also diese Herren? Meinen sie, daß die Welt um ihretwillen um einige Jahrhunderte wieder zurückgehen und daß ihre Hörsäle sich wieder füllen werden? Oder wollen sie, daß lieber der Talmud gar nicht mehr gelernt und studirt werde, weil man es nicht auf ihre Weise thun wolle? daß die jüdische Theologie untergeheu möge, weil sie eine andere Gestalt angenommen, die sie nicht kennen? daß die Gemeinden ohne Rabbiner und Lehrer bleiben sollen, weil sie mit ihren Schülern nichts anzufangen wissen? . .. Das ist fürwahr nicht im Geiste des Talmuds selbst, nicht im Geiste unserer früheren Weisen und Lehrer! Daß dies so ist, erwiesen die alten Herren selbst durch ihren Antrag bei Sr. k. Majestät. Das Tiabn übs iJOr rinn scheint ihnen in Vergessenheit gerathen zu sein. Wenn die alten Rabbinen verlangt hätten, daß, so gut wie die neue Rabbinerschule, auch die Jeschiba aus dem Schulfonds unterstützt werden solle, so hätten wir dies durchaus gerechtfertigt gefunden; daß sie aber fordern, es solle überhaupt nur ihre Jeschiba bestehen, kein anderes Institut existiren und die vorhandenen Mittel,