Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1864)
- Date
- 1864-04-26
- Page
- Seite 277 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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277 Preußen. Berlin, 15. April. Die berliner Universität hat endlich einen Juden zum Doctor der Rechte promovirt; der Promovirte ist russischer Unterthan und heißt Bernstein. Der Privat-Docent Dr. Pringsheim, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, ist zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Facultät der Universität zu Berlin ernannt worden. (Die Anzahl der Professoren jüdischen Glaubens mehrt sich also in Berlin: Traube, Jafse, Steinthal, Pringsheim.) Berlin, im April. (Privatmitth.) Ein Verwaltungsbericht der Stadt Berlin aus den Jahren 1851 bis 1860 incl. enthält sehr lehrreiche Mittheilungen über das außerordentliche Wachsthum der preußischen Hauptstadt. Im Jahre 1661 betrug en Berlin die Gesammtbevölkerung etwa 5000, im Jahre 1710 55,000, im Jahre 1860 495,901. Es hat sich also die Bevölkerung in 200 Jahren etwa verhundertfacht. Im Jahre 1858, wo die Gesammtbevölkerung 458,637 Einwohner betrug, waren 15,491 Juden darunter, während 1861 unter 524,944 Einwohnern bereits 18,847 Juden sich befanden, also in 3 Jahren eine Vermehrung von 3,356 Seelen, um 20 Procent. Wir fügen hier aus anderweitigen officiell-statistischen Mittheilungen die Angaben hinzu, daß im Jahre 1837 Berlin nur 5,645 Juden umschloß, im Jahre 1843 bereits 8,354, also in 6 Jahren eine Vermehrung um 2,709 Seelen oder fast 50 Procent. In den 24 Jahren von 1837 bis 1861 ist also die jüdische Bevölkerung Berlins von 5,645 Personen bis auf 18,847 gestiegen, sie hat sich folglich mehr als verdreifacht. Die christliche Einwohnerzahl dagegen ist von 265,394 auf 524,944 gestiegen, hat sich also kaum verdoppelt. Daß diese st.arke Vermehrung der Juden durch die erst 1847 ihnen gestattete Freizügigkeit bewirkt worden, ist einsichtlich, und wird wahrscheinlich bei der zu Ende dieses Jahres wieder stattfindenden Volkszählung die jüdische Bevölkerung Berlins die Zahl 20,000 überstiegen haben. Diese Notizen bestätigen übrigens die in diesem Blatte ausgesprochene Behauptung, daß, wenn man sagt, die jetzt in der berliner Gemeinde herrschende Verwirrung entspringe aus dem übermäßigen Wachsthum, durch welches die verschiedenartigsten Elemente zusammengeworfen werden, dies nur theilweise wahr ist; denn da dieser Zuzug erst vorzugsweise mit 1850 begann, so würden, wenn schon früher eine angemessene Organisation in allen Gemeindebeziehungen, namentlich in cultueller, zu Stande gebracht worden wäre, die hinzuziehenden Elemente überall ihre rechte Stelle gefunden haben, was nun bei der Stagnation, in welcher Berlin beharrte, nicht der Fall sein konnte. — Die Commission, welche beauftragt war, eine Candidatenliste für die hiesige Rabbiner st eile zu entwerfen, ist mit dieser bei den Repräsentanten durchgefallen und es ist beschlossen worden, eine Concurrenz auszuschreiben. Voraussichtlich wird dadurch die Sache noch verworrener und der Kampf der Parteien erhitzter. Bekanntlich geht aus solchem Kampfe nicht immer die beste Wahl hervor und die Erfahrung zeigte, daß, je erbitterter man vor der Wahl stritt, man sich nach ihr um Rabbiner, Gemeinde und Judenthum desto weniger kümmerte. — Am 31. v. Mts. fand die Prüfung in der hiesigen jüdischen Gemeinde- Knabenschule, die von Rector Horwitz geleitet wird, statt. Das Programm beschreibt das neue Schulhaus und dessen Baugeschichte ausführlich. Die Schule ist seit 1852 von 116 Schülern in 4 Elasten bis zu 605 Schülern in 12 Elasten gestiegen, was wohl ein Zeugniß für die tüchtigen Leistungen der Schule ist, was aber auch vorzugsweise aus dem oben geschilderten Zuwachs der Gemeinde hervorgeht. Die Gemeinde befaßt ungefähr 2500 schulpflichtige Knaben, läßt also die Vergrößerung der genannten Schule noch weithin zu. Breslau, im April. (Privatmitth.) Der Jahresbericht des hiesigen jüdisch-theologischen Seminars enthält einen Aufsatz des Di'. Grätz, welcher nachzuweisen sucht, daß die Dauer des Glaubensdruckes unter Antiochus EpiphaneS nicht, wie man gewöhnlich annimmt, 3 Jahre, sondern 3 Jahre und 155 Tage, vom 17. Tammus — etwa dem 21. Juli 168 — bis zum 25. Kislev — Ende November 165 — gedauert habe. — Nach dem Abgänge des vr. Joel ist dessen Stelle am Seminar noch nicht wieder besetzt, sondern seine Lehrgegenstände sind unter die übrigen Lehrer der Anstalt vertheilt. Man kann nicht sagen, daß die Lehrkräfte des Seminars für den großen Umfang seiner Lehrobjecte ausreichend sind, ein Umstand, welcher die unverhältnißmäßige Ausdehnung der Lehrzeit — 7 18**