Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1864)
- Date
- 1864-04-26
- Page
- Seite 276 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226437--22097-3259349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
276 *) ,nVis J-mnrt bss rm» 1^2 m b2M srnt da eben darin die unbesiegbare Kraft des Judenthums liegt, das wohl auch seine Dogmen hat (z. B. ■)?: i-r-nn 'isn denn ohne Offenbarung ist eine positive Religion gar nicht denkbar, Sanhedrin 90.), aber dennoch eine solche vielfache Spaltung in Secten durchaus nicht zuläßt. Und selbst zur Zeit des großen Synedriums ist es niemanden eingefallen, den Zadduzäern und in der spätern Geonimperiode den Karäern den Namen Jude abzusprechen und durch ein feierlich von sämmtlichen Gelehrten und Rabbinen ausgesprochenes Anathema dieselben vom Judenthume gewaltsam auszustoßen und auszuscheiden. Es ist daher an sich schon ein ganz unjüdisches, lächerliches Verfahren, das in der Geschichte kein Beispiel hat, das die ultramontanen Rabbinen der Gegenwart vom Christenthume entlehnt haben, durch ein ökumenisches Concil, das von der Presse inspirirt und geleitet wird, Dogmen fefizusetzen und dieselben den für unmündig gehaltenen Glaubensbekennern und sogar noch mehr den christlichen Behörden aufnöthigen zu wollen. Wenn dieses nicht ein hierarchisches Streben genannt zu werden verdient, so wissen wir wirklich nicht, wie wir es bezeichnen sollen! Was will man mit den 149 Unterschriften der Rabbinen und Assessoren anfangen? Stehen unter diesen Rabbinen wirklich die Gemeinden, daß dieselben sich in dogmatischer Hinsicht als deren Organe, gleich den katholischen Priestern, betrachten können? Herrscht in diesen Gemeinden wirklich der sehnlichst erwartete messianische Friede, wo der Wolf beim Schafe ruhig weilt? Gibt es in diesen Gemeinden keine Meinungsdifferenzen und Gesetzesübertreter? Haben diese Unterschriften etwa mehr Weihe, weil sie von Rabbinen kommen, als die Meinungen von 149 anderen, nicht bestallten Gelehrten? Soll etwa bei Glaubenssätzen die Menge entscheiden? Machen etwa die 149 Unterzeichneten Ansprüche auf Unfehlbarkeit? Was sind endlich 149 Unterschriften gegen die nicht vertretenen 7—8 Millionen Bekenner des Judenthums? Der geehrte Leser möge nun selbst entscheiden, welches gefährliche Spiel Hr. Hildesheim und Consorten mit den Worten: Orthodoxie und orthodox treiben, und daß sie wahrlich schon dahin gekommen sind, ernstlich dahin zu streben, das ganze pfäffische Regiment nach und nach zum Schaden der Religion einzuführen. Solange, wie in Oesterreich, die ganze Reform in den Synagogen blos in einem äußerlichen, ästhetischen Aufputze, in Verkürzungen von Piutim und überhaupt in der Liturgie besteht; solange in allen Schulen, Synagogen am Sabbath und an den Festtagen das Jigdal (die 13 maimonischen Glaubensartikel) angestimmt und gesungen worden, ist es mehr als eine Schlechtigkeit, ist es eine Narrheit, und noch dazu den Behörden gegenüber, von orthodoxen und nichtorthodoxen Gemeinden als von zwei verschiedenen Secten zu sprechen. Wir haben nichts dagegen, so jemand die Synagoge von allen Einflüssen der Zeit, von allen Veränderungen verschont wissen will und nur in einem solchen Gotteshause sich zu erbauen glaubt; aber eben wegen der Beibehaltung einer alten Synagogenmelodie und eines Piut eine solche Synagoge ausschließlich orthodox nennen zu wollen, ist ein wahrer Unsinn! Denn wahrlich, die wahrhaft „gesetzestreuen Israeliten" sind leider überall in allen Gemeinden sehr geringzählig und wir finden diese Zustände in Frankfurt und Mainz wie in Berlin und Wien. Wir wollen den 149 Rabbinen deren aufrichtige Orthodorie nicht absprechen, aber kein einziger von ihnen wird es wagen, für die reine Orthodoxie seiner Gemeinde einzustehen! Gerade vom eonservativen Standpunkte — denn die gefährlichen Worte: Orthodoxie u. s. w. müssen einmal für immer verbannt und ausgeschieden werden — finden wir uns innerlich gedrungen, gegen das Vorgehen der oft erwähnten Führer energisch zu protestiren, da wir die Einführung des SufFrage universei in die Religion keineswegs ruhig mitansehen können. Zeitungsnachrichten. Deutschland. München, 10. April. (Privatmitth.) Bon böswilliger Seite ist das Gerücht verbreitet worden, als ob der Prediger der hiesigen Cultusgemeinde, vr. Engelbert, sein Amt aufgeben werde. Es ist dies durchaus unwahr. Wenn derselbe die Predigt bei dem Trauergottesdienste um den verewigten König Max nicht hielt, so lag dies in dem Vorbehalte des Rabbiners Aub, bei außerordentlichen Gelegenheiten die Predigt zu halten. *) Megilla 13. Kiduschim 40. Midrasch Esther.