Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1864)
- Date
- 1864-04-26
- Page
- Seite 274 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Talent zum Zeichnen und es kam nicht selten vor, daß er den Rabbi Hillel, Rabbi Meir, Rabbi Akiba rc. bei seinem Studium sich so personificirte, daß er die antiken ehrwürdigen greisen Gelehrten als Studienköpfe vorzeigte, und der Professor M . ... an der Maler-Akademie zu Pesth ermunterte ihn, sich dieser Kunst zu widmen. Als er München zum Orte seines Studiums wählte, brachte er schon ein recht nettes Oelgemälde mit. „Jacob mit dem bw -122 ringend", womit er zugleich seine Lage und sein Streben andeuten wollte. Denn, von armen Eltern abstammend, hatte er ziemlich lange bei schwacher Unterstützung zu kämpfen und sich durch Zeichnenunterricht und hebräische Lectionen hier kümmerlich fortzubringen, bis ihm durch Fleiß und eiserne Ausdauer endlich „W72WN ib mn" —. Er steht heute, nach dem Urtheile seiner Herren Professoren und der Kunstkenner, auf einer sehr schönen Stufe. Jetzt hat er einen Carton von in nahe lebensgroßen Figuren in Arbeit, vorstellend „Jacobs letzte Stunden", auf welchem die echt künstlerische und historisch getreue Anordnung der Gruppen großes Lob verdient." — Kommen wir nun zu dem Carton vom Moses. Eine hohe, erhabene Gestalt, eine zweigetheilte Tafel im Arme, den Wunderstab in der andern Hand, schritt die felsige Höhe herab und blieb auf einem Abhang stehen, von wo er in der Tiefe das goldene Kalb und das dieses umtanzende und anbetende Volk erblickte. In dem mächtigen Antlitz des größten der Propheten wußte nun der Künstler den heftigen Schmerz über den Abfall seines Volkes, die bittere Täuschung über die Erfolge der vorangegangenen großen Ereignisse und den aufsteigenden Zorn über die Wandelbarkeit und den Wahnwitz des Volkes aufs innigste zu verschmelzen und dem Antlitz all die Empfindungen aufzuprägen, welche in der Seele des Gesetzgebers in diesem Augenblicke sich drängen mußten. Schon aber greift wie unwillkürlich die Hand, welche den Stab hält, nach der Mitte, die andere unter die Tafel, und man sieht, wie der Zorn nur ein wenig aufzuwallen braucht, um die Tafel fallen zu lassen oder niederzuwerfen, die dann an dem steilen und zerklüfteten Felsen zerschmettern muß. So ist vom Künstler in anerkennungswerthester Weise die Würde und Erhabenheit des Propheten mit der Macht der Gefühle vereinigt, jene gewahrt und diese ausgesprochen. Dabei ist die ganze Stellung Mosis eine wahrhaft plastische, monumentale und würde ebenso gut sich zur statuarischen Darstellung eignen. Wir erkennen hierin bin Lob des Künstlers <*n, weil dadurch eine antike Einfachheit hervorgebracht ist, die sowohl des Gegenstandes würdig ist, als auch den Mangel einer Gruppirung nicht fühlbar werden läßt. — Wir würden uns sehr freuen, wenn wir durch diese Zeilen die Aufmerksamkeit eines unter den reichen Glaubensgenossen erweckten, welcher sich entschlösse, dem jungen begabten Künstler den Auftrag zur Ausführung in Oelfarben zu geben. — Wir haben einmal in diesen Blättern über den Beruf jüdischer Künstler unsere Ansicht ausgesprochen. Daß die biblische und nachbiblische Geschichte einen unerschöpflichen Schatz an Gestalten und Situationen für den Künstler besitzt, braucht man nicht auszuführen, denn sie werden unaufhörlich von den Künstlern aller Confessionen benutzt. Es ist anerkannt, daß die Kunst, namentlich die Malerei, ohne eine religiöse Begeisterung keine wahre Energie entwickeln kann. Die bloße Schönheit der Form, wie sie von Winckelmann und Göthe anerkannt ward, bringt nur kalte Aeußerlichkeit hervor, das alleinige historische Interesse wird mehr oder weniger zum Genre hinführen, während der religiöse Enthusiasmus in seinem Kampfe mit der Menschenwelt und den Elementen zu den lebensvollsten, bedeutsamsten und erhabensten Kunstwerken begeistert. Es versteht sich, daß er die Gesetze der Schönheit zur Verwendung bringen und die Regeln des Geschmackes nicht verletzen darf, was bekanntlich bei den Objecten der christlichen Kunst, soweit diese die Martyrien befaßt, kaum zu vermeiden ist. Wir haben daher schon damals unsere jungen Künstler auf die Propheten aufmerksam gemacht, unter denen insonders Jeremias vor und nach dem Falle Jerusalems eine Fülle großartiger Situationen darbietet. Da die Geschichte unserer Patriarchen und Davids schon allzusehr ausgebeutet worden, so würde das von uns angedeutete Gebiet einem echten und begeisterten Künstler die großartigste Bahn eröffnen. Die Kunst unter den Juden ist noch sehr jung, und es kann uns daher nicht auffallen, daß die Kunstjünger unter unseren Glaubensgenossen bei der Neuheit ihrer Bestrebungen allzusehr nach außen schritten und ihren naturwüchsigen Boden vernachlässigten. Es ist dies eine sich oft wiederholende Erfahrung. Es wäre uns sehr erfreulich, wenn diese Periode nun vorüber wäre und die jetzt aufstrebenden Künstler unseres Glaubens zu ihrem eigenen Herde, der ihnen so Großes bietet, zurückkehrten. Dann würde es sich auch finden, daß sich die jüdischen Künstler unter ihren Glaubensgenossen einer lebhafteren Förderung zu erfreuen hätten. Ein jüdischer Künstler, der eine Leda, einen Mars oder einen Lear malt oder aushaut, ist eben