Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1864)
- Date
- 1864-04-26
- Page
- Seite 272 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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272 hocken, -während der Baal-Tfille sich in der Synagoge abmühl, irgend ein Pint entweder mit ohrzerreißendem, gellendem Geschrei disharmonischen Singsangs zu verarbeiten, oder gar in Opern-Melodien aus Robert dem Teufel, Zampa und Norma herzutrillern; und da der Hofplatz auf der Seite der Hauptstraße zu keinen Zaun hat, sondern in Ermangelung deffen sich blos mit einem in optima forma angebrachten 21-,^ - Drahte begnügen muß, so findet dieses höchst unanständige Gebühren im engsten Sinne des Wortes auf öffentlicher Straße statt ♦cp?23?n mpn nrotabi btatsb Die Synagoge selbst wird gleichfalls weder gepflegt noch gehörig reparirt, das Innere derselben strotzt von Staub und Spinngewebe und ist mit unorthographisch und unästhetisch geschriebenen Jehirozauns und rothgemalten Bildern geschmückt, oder richtiger gesprochen, verunstaltet. Das Synagogendach hat, seit es erbaut worden ist, noch keine Rinnen erhalten, wodurch die Streckbalken allmählich verfaulen und in nicht gar langer Zeit die Gefahr des Einsturzes befürchtet werden muß, so daß, wenn man am Eingänge steht, mit Recht ausrufen könnte: mn dk -o nt ■pa , ntn vipnn am: rro „Wie furchtbar sieht es hier aus, gewiß, es ist eine (verwahrloste) Synagoge"! — Und nun die Diseiplin in diesem Heiligthume. Während des Gottesdienstes wird geschwatzt, gelacht, hin und her promenirt, hinaus- und hereingelaufen wie in einem Taubenschlage. Von dem Treiben am Purim durch Hamanklopsen, von der Unordnung am Tischa-beab, dem Hoschana-Abklopfen am Hoschanarabba, von dem Unfuge am Schimchat-Thora u. s. w. will ich gar nicht reden. Von der Art-und Weise, wie die Frauen auf der enggedrängten Weiber- Gallerie ihre Andacht verrichten, ist noch weniger oder, wenn man will, gar viel zu sprechen. Da herrscht erst recht ein durcheinander wogendes Tohu wabohu; und wenn dort oben zuweilen die lautgehaltenen Dispute über impertinente Dienstmädchen, über Hüte- und Kleider- Faoons, ja von den nach dem Hintergründe zu auslaufenden Bänken das Geschnatter über Kugel und Sauerkraut zu arg werden, derart, daß sie das Geräusch der Männer unten übertäuben, so tritt der Schamesch dann auf den Almemor und nach vorangegangenem Anklopfen mit der flachen Hand auf den Tisch läßt er eine ernstliche Verwarnung laut ausrufend ertönen: „daß die Damen oben dringend gebeten werden, sich ein wenig ruhig zu verhalten" — was aber selten eine gehörige Wirkung hat. Hilft ja nicht einmal die hier übliche, vor dem Schemone-Esre-Gebete, in der Reget vom Schamesch in hebräischer Sprache feierlich ausgesprochen werdende allgemeine Warnungsformel: nyiz>2 ns1' np">nto Inbsnn, wie sollte eine Ansprache in bloßer profaner deutscher Sprache viel helfen?! Und wenn noch gar ein angereister Chasan oder ein Darfchan und Magid, wie etwa der Kelmer*), an denen das Gros der Gemeinde sein ra© :n::5Ti hat, zufällig debütiren, dann hilf Himmel, die Atmosphäre in der Synagoge ist alsdann mit so viel Grad Hitze und ungemein starker Ausdünstung geschwängert, wie es in einer russischen Badestube der Fall ist. Allerdings hat unser hiesiger, für Förderung der Interessen der Gemeinde und namentlich der Synagoge und Schule eifrig bemühte Rabbiner Pucher öfter seine Stimme sowohl privatim als in öffentlicher Predigt gegen den erwähnten Unfug laut werden lassen und dabei zugleich die Mittel angegeben, wodurch es der Gemeinde ermöglicht würde, ohne besondere Opfer eine neue zeitgemäße Synagoge Hierselbst aufzuführen; allein das Uebel liegt leider zu tief, als daß Hoffnung vorhanden sei, es sobald und leicht gründlich heben zu können. — Hinsichtlich der Art und Weise, welche bei Beerdigungen stattfinden, so läßt auch dieselbe sowohl in Bezug des Verhaltens im Trauerhause und während des Leichenzuges auf öffentlicher Straße als auch auf dem Gottesacker selbst viel zu wünschen übrig. Und wie mit der Synagoge und dem Dazugehörigen, so verhält es sich hier auch mit der Schule. Es besteht hier zwar seit 1850 eine hebräische Krons-Elementar- Schule, in welcher nicht nur die allgemeinen Lehrgegenstände mindestens in demselben Umfange wie in den christlichen städtischen Elementarschulen, sondern auch die jüdische Religion und die hebr. Fächer, und zwar jedenfalls gewiß in einem beffern Geiste als es bei den Melamdim in den Chedarim geschieht, gelehrt werden; so wie auch eine im vorigen Jahre vom Rabbiner gegründete Lehranstalt, die unter seiner eigenen Leitung und Mitwirkung auch noch mit anderweitigen sehr guten Lehrkräften ausgestattet ist; — und dennoch wird erstere fast ausschließlich nur von den ärmeren Bolksclassen, letztere, aber nicht in dem Maße wie sie es verdient, von den Gemeindegliedern frequentirt; indem der überwiegende Theil derselben es unbegreiflicherweise vorzieht, ihre Kinder entweder zu den berüchtigten hiesigen oder fremden Melamdim und in die Winkel-Che- *) Ein in hiesiger Gegend berüchtigter Fanatiker.