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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-04-26 · Heft 18 (26.4.1864) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 18 (26.4.1864)
Date
1864-04-26
Page
Seite 271 (sequence 5)
Language
German
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271 blos einfach sie leugnete und ohne Ausnahme als arge und böswillge Verleumdung erklärte, sondern vielmehr die hiesigen Zustände so brillant hervorstrich, daß man zn der Vermuthung versucht werden könnte, dieselben wären wirklich, wenn nicht gar ein Ron plus ultra aller Gemeindetugenden, doch aber mindestens in jeder Beziehung untadelhaft und keiner mindesten Verbesserung bedürftig. Jeder Unparteiische aber, dem die hiesigen Zustände genau bekannt sind, muß gestehen, daß beide der hier erwähnten Parteien im Unrechte seien, da beide, in Extreme übergehend, die Sachlage, und zwar mit mehr oder weniger Hintansetzung der Wahrheit, außerordentlich übertrieben haben. Denn wenn einerseits nicht zu leugnen ist, daß Kurland und namentlich Mitau viele für das Gemeindewohl begeisterte israel. Biedermänner, akademisch gebildete Gelehrte und Künstler, gebildete Kaufleute, redliche Bürger und fleißige Handwerker fast aller Branchen besitzt, außerdem auch viele nützliche und wohlthätige Institutionen und Vereine aufzuweisen hat, sowie auch, daß überhaupt seit ungefähr einem Decennium ein geistiges Streben nicht zu verkennen ist, so sind andererseits aber hier auch so viele Schäden und krankhafte Flecke in so überwiegender Anzahl vorhanden, daß sie die Bestrebungen der Bessergesinnten in jeder Beziehung außerordentlich erschweren, ja öfter manchen Keim des Guten schon gleich bei seinem Entstehen ersticken. Wenn nun auch diese winzigen geistigen Bestrebungen nicht zu hoch anzuschlagen sein dürften, da in der Regel einige wenige Schwalben noch keinen Sommer machen, so verkünden sie ihn aber doch mindestens, und wir wollen uns demnach der Hoffnung hingeben, daß die Zeit nicht mehr gar zu fern sei, daß die Sonne nicht nur der hier kürzlich so sehrangestrebten äußern, sondern namentlich auch der innern Emancipation mit ihren allbelebenden Strahlen unsere Gemeinden erwärmen und erleuchten werde. Um aber die Brücke zu dieser so schönen Hoffnung ausbauen zu können, ist es vor allem erforderlich, unsere Glaubensgenossen auf die Mängel und Fehler unparteiisch aufmerksam zu machen, um dieselben nach Kräften entfernen zu können; denn solche aus falscher Scham bemänteln zu wollen, würde uns jedenfalls die Mittel zur Besserung berauben, nach dem Ausspruche des weisen Salomo: „Wer seine Fehler verdecken wollte, kann auf kein glückliches Gelingen hoffen" (Spr. Sal. 28, 13). Es sei demnach gestattet, mich in dieser Beziehung nur an das Wichtigste und Naheliegende zu halten und hier in aller Unparteilichkeit nackte Thalfachen reden zu lassen. Ich beginne zuerst mit den Institutionen für Cultus und Unterricht. Von der mitauschen Gemeinde, welche nahezu tausend jüdische Familien zählt, darunter 65—70 Handelsfirmen, von denen manche über ungefähr eine halbe Million R. S. verfügen können, sollte man doch vor allem erwarten, daß sie für eine auch nur einigermaßen anständige Synagoge gesorgt hätten, in welcher ein zeitgemäßer Gottesdienst, der das Herz erhebt und die Seele erbaut, eingeführt sei. Aber leider, wie sieht es hier in dieser Beziehung aus: rpnü Aus dem Zustande der Synagogenräume läßt sich schon der überaus verwahrloste Typus der Gemeinde charakterisiren. Zwar besitzen wir hier drei Synagogen und ein Bellocal im Bethhamidrasch; in welch traurigem Zustande jedoch?! Die Friedmann-Jacobsohn'sche und die Borkum- Friedlieb'sche, welche beide ohnehin bloße Privat-Synagogen sind, sind in ihrem jetzigen Zustande kaum der Erwähnung werth; und das Betlocal des Bethhamidrasch ist derart baufällig geworden, daß die Polizei es zu schließen und zu vernageln für gut erachtet hat. Doch der sogenannten großen Synagoge, welche indirekt den Charakter einer eigentlichen Gemeindesynagoge hat, glaubt der geneigte Leser wohl schon der Mühe werth zu halten, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Nun gut, wenn er tüchtige, wasserdichte Juchtlederstiefeln hat und außerdem mit ziemlich starken Nerven ausgerüstet ist, so kann er den Weg dahin selbst im Frühling und Herbst aufs Geradewohl wagen; indem sonst die nwinp daselbst nicht so leicht zugänglich ist, weil in ihrer unmittelbaren Nähe gar viel vorhanden ist. Der ziemlich weitläufige Vorhof ist weder gepflastert noch planirt, überall Pfützen, Schmutz und Kehricht, die eben keine besonderen aromatischen Wohlgerüche in die Umgebung verbreiten. Balken, Bretter und Steine, welche als Eigenthum von Privatpersonen hier nicht selten gelagert werden, dienen der lustigen wilden Jugend als Tummelplätze zur Ausführung ihrer lärmenden Balgereien, namentlich in der Zeit, während drinnen in der Synagoge stundenlang Tausende von Mischeberachs abgeleiert, Mitzwoth verauetionirt und den Meistbietenden spottbillig zugeschlagen werden. An den hohen Festtagen, wo der Gottesdienst viel langweiliger ist und noch länger dauert, sieht man neben der sich umhertummelnden Jugend auch Männer und Weiber, erstere sogar in Talith und Kittel angethan, auf jenen Baumaterialien oder auch im Grase auf der Erde

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