Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-04-19 · Heft 17 (19.4.1864) · p. Seite 253

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 17 (19.4.1864)
Date
1864-04-19
Page
Seite 253 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226436--22073-3259324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

253 aus Herrsch- und Raubsucht alle diese Leiden über Israel gebracht, das göttliche Strafgericht ergehen und aus diesem die Wiederherstellung Israels in äußerer und innerer Größe, in äußerer Verherrlichung und innerer Heiligung erfolgen; diesem wiederhergestellten Israel würden sich die Völker anschließen, von ihm die Gotteserkenntniß über alle Nationen ausstrahlen und endlich die ganze Menschheit zu einem ewigen Reiche des Rechts, der Liebe und des Friedens sich vereinigen. Dies sind die Momente, welche alle Reden und Schriftwerke der Propheten ausfüllen. Aus dieser Allgemeinheit treten sie nur zu subjectiver Aussprache hinsichtlich zweier Punkte heraus; nämlich, daß sie meist die Erfüllung dieser Verkündigungen in eine nahe Zukunft setzen und Strafgericht, Wiederherstellung und das ewige Gottesreich, nur durch kürzere Zeiträume getrennt, sich vorstellen,*) ünd daß sie bisweilen die Wiederherstellung Israels und das Friedensreich des ganzen Menschengeschlechts durch eine gottgesandte Persönlichkeit herbeigeführt sich denken. Diese Persönlichkeit bezogen sie dann auf einen Abkömmling des Hauses David. Es ist hierbei hervorzuheben, daß in den ältesten Prophetensprüchen die Idee der messianischen Zeit gegeben ist, daß auf diesem Hintergründe die Anknüpfung des Eintritts des Gottesreiches an eine Persönlichkeit nur bei den älteren Propheten, wie Jeschajah, klarer hervortritt, während sie bei den jüngeren Propheten wieder verklingt und bei Iecheskel und Jeschajah II. gänzlich verschwindet und immer schärfer in die Idee des durch die Entwickelung selbst eintretenden Friedensreiches aufgeht. Je tiefer also das Haus David sank und jemehr die Propheten in den Zusammenhang der Völker hinaustraten, destoweniger schlossen sich die großen Hoffnungen der erhabensten und geläutertsten Zukunft an eine Persönlichkeit an, sondern vielmehr an das ganze wiederhergestellte Israel und an die durch Gott herbeigeführte Entwickelung der Völker. Die Jahrhunderte vergingen; Juda in seinem zweiten Bestände gelangte nur zu einem kümmerlichen und vieldurchstürmten Dasein; die Zustände inmitten einer maßlos verworrenen und ihrem Verfalle zuschreitenden Menschenwelt gaben keine Aussichten zu einer großartigen Umgestaltung. Aber das Judenthum hielt fest an der Weissagung jener großen Heilszeit, die in der ganzen Anlage seiner Lehre, in dem Wesen seiner Gotteserkennt- *) S. das Nähere hierüber in unserm Bibelwerke „Einleitung zu den zwölf kleinen Propheten" K. 16. niß und in dem Bewußtsein seines Nationalberufes würzelte. Da griff es umsomehr zu den alten Weissagungen einer zu erwartenden, die Wiederherstellung Israels und das Heil der Menschheit bringenden Persönlichkeit zurück, belegte sie mit dem Namen rrnüw „Gesalbter" (Messias), *) erhob das dereinstige Kommen deffelben zu einem Glaubensartikel, schmückte dessen Ankunft mit aller erdenklichen Herrlichkeit aus und schilderte sie mit den lebhaftesten Farben. Je wirksamer, je trostreicher, je aufrechterhaltender dieser Glaube für das zerstreute und unter dem furchtbarsten Geschicke seufzende Juda sein mußte, desto öfter wurde er aber auch gemißbraucht und für die Juden von traurigen Folgen begleitet. Wie einst die Prophetie Gelegenheit gab zu einer Unzahl falscher Propheten, von denen in der h. Schrift oft genug die Rede, so beuteten auch falsche Messiasse diesen Glauben aus, und Bar-Kochba und Sabbathai-Zwi haben ihre Namen neben vielen anderen mit dunklen Farben in die Geschichte des jüdischen Stammes eingezeichnet. Sowie aber einst die Propheten, jemehr sie aus dem engen Umkreis ihrer Heimath in die große Welt der Völker hinaustraten, von der Idee eines persönlichen Messias abließen und wieder allein die Idee der messianischen Zeit festhielten: so schwächte sich auch in den Juden der neueren Zeit, sobald sie aus ihren engen Ghettis in das große Culturleben der Völker eintraten, der Glaube an einen persönlichen Messias ab und erweiterte sich zur festen Ueberzeugung, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung zur reinen und ganzen Gotteserkenntniß, wie die Religion Israels sie in ihrem Schoße trägt, und damit auch zur allgemeinen Geltung des Rechts und zum all- *) Das Wort miöB wird in den 5 Büchern Mos. mit •jirD verbunden zur Bezeichnung des Hohenpriesters, der mit dem heiligen Salböl gesalbt worden. Deshalb wurde späterhin der König von Israel, weil er ebenfalls nach dem Vorgänge durch Samuel gesalbt wurde, rru)?2 und 'n n*lü73 genannt; so in den Büchern Samuelis, in den Psalmen, Klagelieder 4, 20., Habak. 3, 13., wie denn Jesch. 45, 1. selbst Cyrus dieses Beiwort erhält. Daß Psalm 2, 2. kein anderer als David selbst nach seiner Thronbesteigung sich so nennt, haben schon Rafchi und Kimchi richtig erklärt; s. unsere Einleitung zu diesem Psalm. Daß selbst bei Daniel 9, 25. 26. nicht die Idee des Messias diesem Worte einwohnt, sondern die eines Königs oder Fürsten, ersieht man daraus, daß derselbe „dahingerafft" wird. In der ganzen heil. Schrift also hat das Wort rna» die Bedeutung des „Messias" nicht. 17*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.