Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1864)
- Date
- 1864-04-19
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Lehrer das Recht, über diesen Gegenstand eine vollgiltige Autorität zu fordern. Wir haben in der vor. Nummer bemerkt, daß wir zufällig diesen Gegenstand für den dritten Theil unserer „israelitischen Religionslehre" in diesen Tagen bearbeitet haben und daher Gelegenheit nehmen, dieses Kapitel, soweit es hierher gehöre, aus unserm Manuseripte mitzutheilen. Der zweite Abschnitt dieses dritten Theiles nämlich handelt über die Heiligung des Menschen in seinem Verhältniß zu seinen Nebenmenschen und bespricht zuerst „die Allgemeinheit in der Gesammtheit", alsdann „die Allgemeinheit in ihren besonderen Instituten", Staat, Religionsgemeinde, Familie. Die Fragen, worauf sich die Allgemeinheit der Menschen gründe? nämlich auf die Einheit des ganzen Menschengeschlechts, ferner nach dem höchsten Ausspruch der h. Schrift für die Allgemeinheit 2 Mos. 19, 6., nach den Aufgaben der Allgemeinheit, die in 1) dem allgemeinen Austausch der geistigen und materiellen Erzeugnisse und der dadurch bewirkten Solidarität der Interessen und 2) in der allgemeinen Geltung des Rechts und dem allgemeinen Frieden gefunden werden, führen endlich zu der Frage, wie die h. Schrift die endliche Erfüllung dieser Aufgaben uns lehrt und verheißt. Wir theilen nun die Beantwortung der letzten Frage mit. In der antiken Welt herrschte die Ansicht vor, daß das Menschengeschlecht sich immer mehr verschlechtere und daß es aus der Unschuld den Weg der Entartung wandele, bis es in der äußersten Verderbniß den völligen Untergang finde. Die Dichter, schon Hesiod, nach ihm Ovid, stellten dies als die vier aufeinander gefolgten Zeitalter, das goldene, silberne, erzene und eiserne dar. Gerade im Gegensatz läßt die h. Schrift die Menschheit zwar in Unschuld entstehen, schildert, wie der Mensch zur Sünde kommt, dann aber zeigt sie, wie die ersten Geschlechter in die wüstesten Laster verfielen, so daß sie in deren Entartung das moralische Motiv zur noachidischen Fluth findet und dieselben einem besseren Geschlechts Platz machen läßt, welches in steigender Entwickelung vorwärts schreitet, bis es zuerst der theilweisen, dann der ganzen Annahme der Lehre und des Rechts, die Israel geoffenbart worden, zureift und so endlich zum ewigen Reiche des Rechts und des Friedens gelangt. Allerdings, wie so vieles Fremdartigen sich die Exulanten in Babel bemächtigten, eignete sich auch Daniel jenes Bild der vier Zeitalter nach den vier Metallen an, indem er Nebuchadnezar im Traume (Kap. 2) vier Weltreiche von Gold, Silber, Kupfer und Eisen sehen läßt, vier Weltreiche, die, wie wir in unserm Bibelwerke B. HI. S. 799 erwiesen haben, durchaus nicht bestimmte geschichtliche Reiche bezeichnen, sondern den Gedanken ausdrücken, daß kein menschliches Reich bestehen würde, daß vielmehr eines auf das andere folgen und das vorhergehende zertrümmern werde, bis durch diese beständigen Vernichtungskämpfe ihr Ende herbeigeführt werde. Aber der jüdische Seher wandelt diese antike Anschauung im israelitischen Geiste sofort dadurch um, daß auf diese menschlichen Weltreiche ein ewiges Reich folgen werde, welches die Versöhnung der menschlichen Wirklichkeit mit der göttlichen Idee eines vollkommenen Zustandes der Menschheit vollbringt. Er endet daher (V. 44): „Aber in den Tagen dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, daS in Ewigkeiten nicht zerstört wird und dessen Herrschaft einem andern Volke nicht übergeben wird: es wird zermalmen und vernichten alle jene Reiche, aber selbst bestehen in Ewigkeit." Als Moses das große Werk seines Lebens vollendet, die geoffenbarte Lehre, welche die Verbindung der Idee und der Wirklichkeit, die Jdentificirung der Lehre und des Lebens zu ihrem Angelpunkte hatte, dem Volke Israel übergeben hatte, lebte es ihm im Bewußtsein, daß es noch weithin sei, bis dieses Volk seine Aufgabe begriffen, sich der Lehre vollständig ergeben und sie im Leben verwirklichen würde. Er sah vorher und sprach es in erhabenster Rede aus, daß es oft abirren und abfallen würde, mahnte und verwarnte es und weissagte ihm all das Unheil, das darob über dasselbe kommen und aus dem es sich erst spät herausretten werde, aber auch da schon andeutend, daß es nicht zum Untergange bestimmt sei, sondern zur endlichen Wiederherstellung. Auf diesem Boden nun stand das ganze Prophetenthum. Es hatte den wirklichen Abfall, den religiösen und sittlichen Verfall, den immer wiederholten Rückfall in das Heidenthum vor sich, und diesem mit aller Kraft und Selbstaufopferung entgegenzutreten war sein eigentlicher Beruf. Es verkündete daher immerfort den durch die religiöse und sittliche Entartung herbeigeführten Sturz Israels, den Untergang seines weltlichen Bestandes, die Verbannung in fremde Länder, die Verfolgung und Unterdrückung, die es daselbst zu ertragen haben werde. Durch dieses Strafgericht aber werde Israel geläutert, von allem Sündhaften und aller Schuld befreit und zu Gott zurückgeführt werden. Dann wurde auch über die Völker, welche