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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-04-12 · Heft 16 (12.4.1864) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 16 (12.4.1864)
Date
1864-04-12
Page
Seite 238 (sequence 4)
Language
German
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238 ligung des Menschen in der Anbetung dieses einzigen Gottes und in den höchsten sittlichen Momenten nicht aus dem Judenthume stamme, sondern aus dem Griechenthume, das Judenthum aber jede Verkennung und Entstellung des Monotheismus, den Bilderdienst, die Formheiligkeit, die Hierarchie u. s. w. geliefert habe. Wir erheben diese Anklage und sprechen dieses Urtheil ungern; es hätte uns wahrhaft erfreut, bei einem so bedeutenden Manne ein richtigeres Verständniß, eine unparteiische Würdigung und eine gründlichere Gelehrsamkeit zu sinden und hätten uns entgegengesetzte Ansichten gefallen lasten und zu ihrer Bekämpfung uns bereit gefunden. So aber ist uns nichts geboten, worauf näher einzugehen wäre. Das Endziel der Religion findet Strauß in der Beseitigung des Gebetes, des Gottesdienstes und alles dessen, was einer Ceremonie ähnlich sieht, und in dem Dienste des Herzens und der Gesinnung allein. Er steht hiermit der ganzen Geschichte der Menschheit und aller Erfahrung über die Natur des Menschen gegenüber. Denn wie das Christenthum, nachdem es den Boden des Judenthums verkästen, sich dennoch gleich wieder ein sehr ausgedehntes Ceremoniale schuf, so hat auch der Protestantismus nach seiner Trennung von der katholischen Kirche sich ein solches gebildet und die „freien Gemeinden" haben bereits ihre „religiösen Versammlungen", Andachtsstunden, Feste, Borträge, Lieder, Trauungen u. s. f., die alsbald zu festen geregelten Normen werden. Ueberall, wo eine Gemeinsamkeit der religiösen Ueberzeugung auftritt, strebt sie sofort nach einem Ausdruck in einer eoncreten Gestaltung und sieht sich nicht eher als wirklich bestehend an, als bis sie dieselbe erlangt hat. Es liegt in dem Menschen der Drang, seinen Gedanken und Gefühlen durch eine äußere Kundgebung Befriedigung zu schaffen, durch deren Wiederholung er sie in sich immer wieder erneuen und befestigen will, wodurch er einem höheren Ziele näher zu kommen glaubt. Gebet, Gottesdienst, Ceremonie werden daher so lange vorhanden sein, wie religiöse Ueberzeugung und Gesinnung, und alle Kritik und Philosophie werden nicht im Stande sein, sie der Menschheit zu entziehen. Wir geben zu, daß mit allem Cultus und Ceremoniale zu aller Zeit Frömmelei, Heuchelei, Formheiligkeil und Betrug verbunden waren; aber der Mißbrauch entscheidet niemals über die Notwendigkeit, und wie nicht geleugnet werden kann, daß mit jenen auch wahrhafte Frömmigkeit, Herzenslauterkeit, hohe Denkungsart und reinste Tugendhaftigkeit vielfach verbunden sind, so haben wir auch erfahren, daß die Loslösung von Gebet, Gottesdienst und Ceremoniale nicht selten mit Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit verbunden ist. Das Richtige wird also sein, daß aller Aberglaube aus dem Cultus und Ceremonialen entfernt, alle abergläubischen Ceremonien beseitigt und die Menschen immerfort belehrt werden müssen, daß Gebet und Gottesdienst nur die Mittel der Religion, nicht die Religion selbst sind, daß deren Wesen in der wahrhaften Gotteserkenntniß und Gottesanbetung, in der sittlichen Gesinnung und sittlichen Thal besteht. Dies haben die Propheten energisch gethan und noch immer gilt der talmudische Satz: „Nicht die Erklärung ist die Hauptsache, sondern die That." Jeweniger Strauß gegenwärtig mit der Art und dem Ziele seiner Arbeit allein steht, sondern im Zusammenhänge mit früheren und zeitgenössischen Autoren bereits eine bedeutsame Phalanx bildet, wie denn die Veröffentlichung von Werken ähnlicher Tendenz aus Gießen und Ungarn angekündigt werden, desto größer ist die Wichtigkeit, die wir für das Christenthum dieser Erscheinung beilegen müssen. Dennoch ist es klar, daß wir hier es immer erst mit den Materialien zu einer zukünftigen Gestaltung zu thun haben. Man befindet sich noch immer auf der Eisbahn der Kritik, auf welcher man nur mit Mühe das Resultat aufrecht erhält, weil es nur durch künstliche Windungen erlangt wird und es nicht umgangen werden kann, von Voraussetzungen auszugehen, die eben doch nur wiederum fraglich sind. Man lese z. B. die beiden Kapitel über das Verhältniß Jesu zum mosaischen Gesetz und zu den Nichtisraeliten. Hier liegen aus den Büchern des Neuen Testaments die entgegengesetztesten Aussprüche vor: auf der einen Seite, daß Himmel und Erde eher vergehen werden als ein Buchstabe des Gesetzes und der Propheten, auf der andern ein Hinwegsetzen über dieselben und zuletzt durch die Nachfolger Jesu eine völlige Aufhebung; auf der einen Seite das stricte Gebot, nur mit den Juden zu verhandeln und die Heiden auszuschließen, auf der andern, daß das Evangelium allen Völkern gepredigt werde, so daß zuletzt, da nur eine sehr geringe Zahl Juden sich dem Christenthume anschloß, dieses nur für die heidnischen Völker bestimmt blieb. Diese Widersprüche, die ganz anderer Natur als diejenigen sind, welche man in den fünf Büchern Mosis nachweist, daß z. B. Abraham bei Pharao und bei Abimelech derselben List sich bedienen soll, oder in einigen genealogischen und chronologischen Angaben, diese Widersprüche, die tief in das ganze Wesen

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