Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 16 (12.4.1864)
- Date
- 1864-04-12
- Page
- Seite 237 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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237 sitiven Inhalt zu öffnen. Diese Beschränktheit des menschlichen Geistes ist es ja eben, welche die unaufhörlichen Schwankungen der Meinungen und Resultate hervorbringt, weil das Unbefriedigende des einen Erfolges immer wieder zum Gegensatz hintreibt, da eine wahre und tiefere Lösung fehlt. Strauß hätte darum nothwendigerweise seine größte Aufmerksamkeit auf den Ursprung des Christenthums wenden müssen, die Richtung, aus der es erflossen, die Elemente, aus denen es sich gebildet, die Bedingungen, denen es unterstellt war, aufs genaueste erforschen sollen, um ein positives Resultat und einen für die Folgezeit beherrschenden Gedanken zu gewinnen. Dies aber gerade hat er im geringsten Maße gethan; er ist bei dem Allergewöhnlichsten stehen geblieben und muß es sich daher gefallen lassen, wenn dieses neue Werk eben nur als eine neue Bearbeitung seiner früheren Leistung betrachtet werden muß, die aber das Verdienst der Neuheit und größeren Gründlichkeit hatte, während die vorliegende Schrift an Klarheit und Durchsichtigkeit gewonnen hat. Wohl im richtigen Gefühle seiner Schwäche betitelt er das einschlägliche Kapitel nicht: über den Ursprung des Christentyums, sondern nur die „Vorbereitung" und begnügt sich hierfür mit 23 Seiten. Wir verkennen nicht, daß einem so Hellen und scharfen Geiste Lichtblicke aufgehen müssen, welche die Knotenpunkte der ganzen Frage klar erfaffen, und so begrüßen wir gern Seite 168 den Ausspruch: „Das Judenthum in allen Stadien seiner Entwickelung suchte Gott, das Griechenthum ebenso den Menschen;" und finden uns in Uebereinstimmung mit Strauß, wenn er das Christenthum aus jüdischen und heidnischen Elementen hervorgegangen ansieht. Hätte er aber von diesen Ansichten aus nun nicht eine gründliche und erschöpfende Untersuchung anstellen müssen, welche Elemente zu dem neuen Bau verwendet wurden, welche diese Elemente waren und find? und inwiefern durch diesen Zusammenfluß so heterogener Einflüsse und Bestandtheile das Ganze alterirt und seine ursprüngliche Tendenz verändert worden? Anstatt dessen erhalten wir zwei kurze Kapitel über den „Entwickelungsgang des Judenthums" und den „Entwickelungsgang der griechisch-römischen Bildung", die sich mit der oberflächlichsten Betrachtung begnügen und eher das Gegentheil beweisen, als wovon Strauß ausging. Betreffs des Judenthums erweist Strauß nichts als das äußerlichste Verständniß der h. Schrift, eine völlige Unkenntniß des Talmuds, er weiß von dem geschichtlichen Theile desselben, namentlich aus den letzten Jahrhunderten Jerusalems, und von den neueren Forschungen jüdischer Autoren hierüber gar nichts; ihm ist das biblische und nachbiblische Judenthum nichts als ein todter Ceremoniendienst und starre Gesetzesknechtschaft, die Propheten vermögen ihm nicht „neben dem moralischen Gottesdienste den ceremoniellen" aufzugeben, die Idee der messianischen Zeit, der Vereinigung der ganzen Menschheit in der Wahrheit, im Recht und im Frieden ist ihm bei den Propheten*) und den Juden überhaupt nur in der kümmerlichsten, partikularischen und persönlichen Auffassung vorhanden — und man fragt sich erstaunt, wie bei solchem Wesen „ein Suchen nach Gott in allen Stadien seiner Entwickelung" dem Judenthume zugesprochen werden könne. Dahingegen findet er bei den Griechen das Abstreifen des Polytheismus, in ihrer Philosophie den Monotheismus, die Humanität, die Einheit des Menschengeschlechtes, die Principien der höchsten Sittlichkeit. Einem jeden Sachkundigen wird es schon hieraus einleuchten, daß unserm Autor für diese Behauptungen jede selbständige Forschung abgeht, und in der That weiß er für sie nur auf einige neuere Schriftsteller zu verweisen, ein Factum, daß wir jedem andern, nur nicht einem so schneidenden Kritiker Nachsehen können. Was daher sein Kapitel über den Entwickelungsgang des Jndenthums am meisten ausfüllt, ist eine Darstellung der drei Secten der Pharisäer, Sadducäer und Essäer, wobei ihm aber die Arbeiten neuerer jüdischer und christlicher Autoren abgehen, so daß er nur die alte Schablone noch einmal abdruckt. Daß daher Strauß zu gar keiner klaren Einsicht über die Elemente aus Judenthum und Heidenthum im Christenthume kommt, daß er sich mit den alten Phrasen von „der sinnlichen Religion der Griechen auf der einen Seite, der jüdischen Gesetzesreligion auf der andern Seite" begnügt, versteht sich aus dem Angeführten von selbst. Sollte man doch glauben, wenn man Strauß liest, als ob die Lehre von einem einzigen Gotte, dem Schöpfer der Welt, der, unendlich und körperlos, in keinem Bilde anzubeten ist, in keinem körperlichen Wesen erscheinen kann, der den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen und ihm einen selbstbewußten und sittlichen Geist gegeben, daß alle Menschen Brüder sind und jeder seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst, von der Hei- *) Wir haben dieses Kapitel soeben für den dritten Theil unserer „Israelitischen Religionslehre" ausführlich bearbeitet und werden es, da diese Frage im Augenblicke wieder angeregt worden, nächstens in diesem Blatte geben. 16 *