Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 16 (12.4.1864)
- Date
- 1864-04-12
- Page
- Seite 236 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226435--22055-3259305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 nm gefördert zu haben. Der wolffenbüttler Fragmentist sReimarus), Strauß, Keim, Renan, Miron, Colenso u. s. w. sind keine Juden. Wo von jüdischen Autoren Kritik gegen das Christenthum versucht ward, geschah es stets blos aus dogmatischen Gesichtspunkten, also mehr, die Differenzen zwischen den beiden Religionen aufzudecken und die Lehren des Judenthums den christlichen Dogmen gegenüber zu stellen, also mehr apologetisch als eigentlich polemisch, nicht aber, um die historischen Grundlagen und Documente des Christenthums zu erschüttern und zu zersetzen. Ebenso wenig aber hat das Judenthum in seinem inneren Verständniß und Leben eine wesentliche Einwirkung von seiten der Christen erfahren. Auch diesen letzteren lag es sehr nahe, das Judenthum in seinem Wesen und seinen Principien zu einem liefern Verständniß zu bringen und seinen wahren geschichtlichen Gehalt zu erforschen und zu beleuchten; es lag ihnen nahe, weil die heilige Schrift Israels fort und fort als die Grundlage des Christenthums angesehen, der Ursprung des letzteren aus dem Judenthume und die jüdischen Elemente im Christenthume nicht abgeleugnet werden. Dennoch, was haben christliche Autoren hierin geleistet? Sie haben die Kritik der Bücher unserer h. Schrift mit möglichstem Scharfsinn bearbeitet, die Abfassungszeit und Abfasier derselben immer von neuem der Untersuchung unterzogen — dennoch aber nur nach ganz äußerlichen Kriterien, während für den innern Gehalt, für die Auffassung und Kritik von innen heraus nur von einigen wenigen etwas geschehen ist. Im Gegentheil faßten sie Inhalt und Tendenz unserer h. Schrift statt von deren ideellen und principiellen Seile, blos von der äußern als Specialgesetz, Ceremonialdienst, nationaler und partikularislischer Bedeutung auf. Wir wollen nicht sagen, daß man sich antipathisch oder gar feindlich gegen sie verhielt, aber wir müssen behaupten, daß man für ihre tiefere Würdigung kein Streben, kein Verlangen empfand. Noch weniger fand dies für das nachbiblische Judenthum statt. Für die ungeheure Mehrzahl der christlichen Autoren und Gelehrten hört das Judeuthum mit dem Ursprung des Christenthums auf. Die Frage, was in einem Fortbestände von fast zwei Jahrtausenden doch wohl gelegen sein müsse, stellte man sich nicht oder wies sie mit einigen Phrasen ab. Man wollte eben dem Judenthume neben dem Christenthume keine Bedeutung, keinen Inhalt, keine Mission mehr zugestehen. Einige wenige beschäftigten sich wohl mit der talmudischen und rabbinischen Literatur, aber eben nur aus linguistischem und literarhistorischem Gesichtspunkte; über Geist und Tendenz derselben hat niemand ein bedeutsames Wort gesprochen, Unkenntniß, Unverstandniß und Voruriheil schauen aus all den beliebten Phrasen heraus. Das gleiche Schicksal hatte die morderne Entwickelung des Judenthums. Entweder sah man sie nur als einen llebergang zum Christenthume an und gerieth, da man sich getäuscht sah in dieser Erwartung, oft in nicht geringen Zorn über sie, oder man ignorirte sie vornehm und nahm keine Notiz von ihr, oder man beschimpfte sie als „Reformjudenthum", als einen willkürlichen Abfall, wie es von ultramontaner und pietistischer Seite immerfort geschieht und wofür die Motive offen genug liegen. Man hat weder von pietistischer, noch von rationalistischer, noch von kritischer Seite ein klares, nicht von Vorurtheilen getrübtes Auge für sie. Man sieht, wir haben hiermit keine Anklage erhoben. Gälte es einen Vorwurf, so fiele dieser ebenso sehr den jüdischen wie den christlichen Schriftstellern zur Last. Sondern wir wollten eben nur Nachweisen, daß jede wahrhafte Entwickelung nur aus dem innersten Leben und durch die eigene Lebenskraft geschieht und so ihren selbständigen Charakter hat. Es folgt hieraus, daß wir von einer Bewegung auf einem bestimmten Gebiete keine wesentlichen und unmittelbaren Erfolge für ein anderes erwarten dürfen und daß es uns daher nicht wundern darf, wenn ein Autor, der innerhalb einer Erscheinung die wirkungsreichste Sichtung vornimmt, eine andere doch nur so an- und aufnimmt, wie sie ihm seit langer Zeit vorgestellt worden. # Dies ist die Betrachtung, welche das neueste Werk von David Strauß: „Das Leben Jesu, für das deutsche Volk bearbeitet. Leipzig, 1864" in uns hervorrief. Es ist nicht unsere Sache, dieses Werk in seinem Verhältniß zum Christenthume und zur christlichen Welt zu betrachten, auch nicht, inwiefern es gegen seine frühere Arbeit von 1835 einen Fortschritt bedeute, sondern wir haben es hier nur in seinem Verhältniß zum Judenthume ins Auge zu fassen. Hier treffen wir nun leider! auf die schwächste Seite der Arbeit Strauß' und dies ist wiederum die einfache. Folge seiner Tendenz. Ihm ist es vorzugsweise darum zu thun, die historische Unhaltbarkeit der Bücher des Neuen Testamentes nachzuweisen und ihre Erzählungen als Mythen zu charakterisiren. Es ist einsichtlich, daß hierdurch die tiefere Auffassung des Wesens abgeschwächt wird, weil es einmal demselben Menschen nicht gegeben ist, die kritische Negation energisch durchzuführen und zugleich die. Tiefen des Geistes für den po-