Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1864)
- Date
- 1864-04-05
- Page
- Seite 220 (sequence 2)
- Language
- German
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SL« Herr und ebenso einerseits übermäßiges Lob wie andererseits übermäßigen Tadel finden. Aber, wird man fragen, was gehen uns, die wir auf dem Boden des Judenthums stehen, jene beiden an? Wenn Strauß mit seinen Dependenten, unter welchen der Franzose Rsnan die erste Stelle einnimmt, seit 1835, wo seine erste, für das gelehrte Publicum bestimmte Arbeit erschien, den Zersetzungsprozeß im Christenthume, Stahl aber den Wiederbelebungsprozeß bedeutet, wenn letzterer den Staat und die politischen Parteien mit der Kirche zugleich in seine Betrachtung zieht, was haben wir in einer „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" damit zu schaffen? Nehmen uns doch unsere eigenen Angelegenheiten genugsam in Anspruch, um unfern Blick noch auf Erscheinungen in den Häusern und Familien anderer zu richten. Die Antwort ist leicht. Zuerst können Minner wie Strauß und Stahl ihr kirchliches Verhältniß, das Christenthum überhaupt nicht besprechen, ohne ihr Verhältniß zum Judenthume zu berühren; dann ist es jetzt nicht mehr möglich, staatliche Angelegenheiten vom principiellen Standpunkte zu behandeln, ohne die Interessen der Juden, selbst der speciellsten Art hineinzuziehen. Alsdann find wir, Gott sei Dank! in eine solche Linie gerückt, daß die großen Prozesse des Culturlebens von zu tiefem Einflüsse auf uns sind, als daß wir die theilnahmlosen Beobachter spielen könnten. Ja, mag man mehr oder weniger auf unsere Stimme hören, sind wir doch in vielen Dingen als Juden, weil außerhalb der Parteien stehend, erst recht zum Abgeben unseres Urtheils berufen. Und endlich, können wir es leugnen, daß in unserer eigenen Mitte nicht dieselben Vorgänge abspielen? Traten nicht auch im Judenthume die Gegensätze aufs schärfste hervor? Ist nicht dieselbe Krise auch bei uns aufgekommen, "nachdem eine Zeit lang die Periode der Entwickelung vorherrschend gewesen? Und wenn auch gegenwärtig es vorzugsweise die Orthodoxie, die neue orthodoxe und selbst die bis jetzt stabile altorthodoxe ist, welche jeder Entwickelung und ihren Consequenzen entgegenzutreten alle ihre Mittel zu sammeln versucht, wahrend das radicale Extrem vollständig schweigt, wird es so bleiben? Werden nicht selbst die gemäßigten Elemente, die auf dem historischen Boden die Entwickelung des Judentums anstreben, zum äußersten Kampfe gezwungen werden? Denn überall ist es das Characteristicum der Reaction, alles für feindlich zu erachten, was nicht zu ihrer Fahne schwört, ja die Vermittelnden, die. Gemäßigten noch schärfer zu bekämpfen als die radikalen Extreme, weil sie wohl weiß, daß die letzteren in der Masse keinen, die ersteren allen Boden finden, und es der Reaction doch vorzugsweise um die Beherrschung der Masse zu thun ist. Es versteht sich von selbst, daß wir Strauß eben nur in seinem Verhalten zum Judenthume hier zu betrachten haben, während uns Stahl noch tn vielen anderen Beziehungen interessirt; daß wir überhaupt die beiden in ihrem Nebeneinander nur ganz allgemein zusammenzustellen haben, um auf ihre Zusammengehörigkeit in ihrer zeitlichen Erscheinung hinzudeulen. Bon da ab können wir sie nur einzeln verfolgen, weil sie die entgegengesetzten Pfade beschreiten. Strauß ist die nüchterne Kritik, welche die Bücher des Neuen Testamentes, wie sie vorliegen, von ihrem historischen Werthe, von ihrer Glaubwürdigkeit als Geschichtsurkunden prüft und verwirft. Was er weiterhin gibt, ist ein Versuch der Versöhnung, der, an sich gezwungen, völlig scheitern mußte. Seine neue Arbeit hat kein anderes Resultat als seine frühere gründlichere. Aber auch in seiner Betrachtungsweise des Jndenthums sind die dreißig Jahre, die seitdem verflossen, an ihm spurlos vorübergegangen. Alles, was seitdem geschehen und gearbeitet ist, kennt er nicht und hat also auch kein Verständniß davon. Bon einer tieferen Auffassung des vorchristlichen Judenthums, wie sie in neuerer Zeit so erfolgreich erstrebt worden, hat er keine Ahnung. Daß dies auch auf seine Auffassung des Christenthums von Einfluß sein mußte, ist selbstverständlich. Wir bedauern dies aufrichtig, denn die Einseitigkeit ist gerade an einer so bedeutsamen Arbeit um so beklagenswerther. Dennoch hat er ein leichteres Geschäft als Stahl. Die Bemühung, mit Vernunflgründen das zu stützen und zu vertheidigen, was eben von vornherein auf solche verzichtet und sie von sich weist, ist eine ebenso schwierige wie undankbare. Sie erfordert einen großen Aufwand von Geist und Scharfsinn und fängt sich zuletzt immer wieder in den eigenen Schlingen. Es ist einem bei Stahl immer zu Muthe, wie wenn ein starker und stahlgerüsteter Mann einen furchtbaren Keulenhieb gegen seinen Gegner führt, in dem Staube, den er aufgewühlt, triumphirend umherschaut, wie er den Feind niedergeschmettert habe, und dieser nun lächelnd neben ihm steht und zeigt, daß ihm nicht die Haut geritzt worden, denn der Schlag ging fehl. Stahl ist durch und durch Sophistiker; da werden Voraussetzungen gemacht, aus diesen Schlüffe gezogen, alle Parteien ins Extrem geworfen, das Thun und einige Aussprüche Einzelner für das