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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-29 · Heft 14 (29.3.1864) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 14 (29.3.1864)
Date
1864-03-29
Page
Seite 206 (sequence 4)
Language
German
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206 nischen Bauern freimachen und zu selbständigen Gemeinden vereinigen. Dieses starre Festhalten an einer verlebten, zu einem bodenlosen Extrem entarteten Entwickelung des Feudalstaates in einer Verkuppelung mit dem Absolutismus konnte nur zum Untergange führen. Zwei Probleme hat die civilisirte Welt zu lösen: die Frage der Nationalität und des Proletariats. Aber die Erfahrungen unserer Zeit haben hinlänglich erwiesen, daß beide Fragen 3 priori nicht gelöst werden können, daß jeder theoretische Versuch ihrer Lösung nur zu Unheil und Verwirrung führt. Damit ist aber nicht gesagt, daß sie nicht gelöst werden können und werden, sondern auch hier ist der Weg der geschichtlichen Entwickelung der einzig richtige und dem wir völlig vertrauen können. Alle gesellschaftlichen Theorien und Systeme, durch welche man das Proletariat hat aus der Welt schaffen wollen, haben sich bei dem ersten Versuche ihrer Verwirklichung als Hirngespinnste erwiesen, und diese unsinnigen Experimente waren es, welche den Bestand einer gesunden Freiheit compromittirten und die Gesellschaft mit den größten Gefahren bedrohten. Aber so gewiß wie die Civilisation das Sklaventhum und die Leibeigenschaft durch die Entwickelung überwunden hat: so wird sie auch ohne Gewaltsamkeit im regelmäßigen und natürlichen Wege die Verhältnisse des abhängigen Arbeiterstandes zu heben und die besonnenen und fleißigen Glieder des Proletariats in bessern Zustand zu bringen vermögen. So auch mit der Nationalitätsfrage. Ich kann nicht einräumen, daß jeder Nationalität das unbedingte Recht zustehe, einen eigenen Staat zu bilden. Haben sich Nationen hierzu geschichtlich unbefähigt erwiesen, so können sie auch nicht verlangen, und die Erfüllung eines solchen Verlangens würde für sie selbst mit großen Gefahren verbunden sein, ihre geschichtlichen Verhältniffe mit einem Male aufzulösen. Sehen wir doch auf dem ganzen Erdenrund die Wohnsitze der Nationen so untereinander gewürfelt, scheint es doch vielmehr die Aufgabe der Civilisation zu sein, die Nationalitäten miteinander zu vermengen und sie auf ein Niveau des Rechtes zu stellen, daß in der That die Selbständigkeit der einen Nationalität sehr häufig die Unselbständigkeit einer andern nach sich ziehen würde und die ganze mit solcher Schärfe erhobene Nationalitätsfrage der Civilisation und Gleichberechtigung große Hindernisse bereitet. Dahingegen muß jeder Nationalität das Recht eingeräumt werden, sich in ihrer Eigenthümlichkeit frei entwickeln zu dürfen und in Sprache und Sitte unbehindert existiren zu können. Sicherlich haben die Völker als solche einen nicht geringeren Anspruch als die Individuen auf gesetzlich persönliche Freiheit. Hierzu kann ihnen aber nur der entwickelte Staat verhelfen und die bloße staatliche Selbständigkeit verbirgt ihnen dies durchaus nicht. Die neueste Zeit hat uns gelehrt, daß das Streben nach nationaler Unabhängigkeit oft nur von gewissen Ständen ausging, die dabei nur die Absicht hatten, die unteren Stände des Volkes unter ihrer Herrschaft zu erhalten, die von der Entwickelung des gemeinsamen Staates bedroht war. Nein! die Nationalitätsfrage ist nicht identisch mit der Civilisation welche die Verwirklichung viel höherer Principien anstrebt, die der Gleichberechtigung aller vor dem Gesetze und der gesetzlich geordneten Freiheit. Geht die Entwickelung nach dieser Richtung hin, so kommt auch jede Nationalität so weit zu ihrer Befriedigung, wie sie es zu verlangen das Recht hat. Das factische Beispiel der Schweiz, in welcher drei Nationalitäten sammt ihren dazwischen liegenden Mischlingen in voller Harmonie leben, gibt den Erweis dafür, und daß dies nicht etwa blos von der Staatsform abhängt, ist einsichtlich. Die Bildung von Vereinen?u allgemeinen Zwecken. Wir erhielten in diesen Tagen folgendes gedruckte Circular: „Um der unter den Juden Palästinas grassirenden Armuth mit Erfolg die Spitze abzubrechen, hat sich in der jüdischen Gemeinde zu Bamberg ein Comitö gebildet, welches sich zur Aufgabe macht, jüdische pal. Jünglinge im Alter von 13—18 Jahren in Europa jedes beliebige Handwerk, Agricultur, Wissenschaft und jeden Industriezweig auf seine Kosten nach Kräften ausbilden zu lassen. Die Anregung hierzu ist im hebr. Aufsatz auseinandergesetzt, und werden unsere Glaubensgenossen in allen Welttheilen inständigst ersucht, dasselbe anzustreben und zu vollführen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unser Vorhaben bei allen unseren Mitbrüdern, welcher religiösen Richtung sie auch gehören mögen, Anklang finden wird. Verbesserungs-Vorschläge werden wir dankbar entgegennehmen. Sehr zweckmäßig wäre es, wenn sich zu diesem Behufe ein General-Directorium constituiren sollte, dem wir uns bereitwillig anschließen werden. Unser Programm ist in Kürze also: Jeder sich bei uns meldende jüd. pal. Jüngling im Alter von 13

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