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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-29 · Heft 14 (29.3.1864) · p. Seite 205

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 14 (29.3.1864)
Date
1864-03-29
Page
Seite 205 (sequence 3)
Language
German
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205 lichen Situation dieser beiden Länder so entgegengesetzte Ausfall ihrer wirklichen Zustande und Verhältnisse? Einfach, weil in Großbritannien eine naturgemäße geschichtliche Entwickelung stattgefunden und stattfindet, in Frankreich aber keine solche. Ich brauche hierfür Beweise nicht heranzubringen, sie liegen jedem Geschichtskundigen offenbar. Außer der kurzen Unterbrechung von 1649 — denn die Revolution von 1688 kann eine solche eigentlich gar nicht genannt werden — ist England seit dem 13. Jahrhundert auf dem Wege der Entwickelung Schritt vor Schritt vorwärts gegangen, während Frankreich sich schon 1790 kopfüber in den Umsturz warf und seitdem von einem Extrem zum andern treibt. Dies ist die Lösung des ganzen Räthsels, die man in allen obengezeichnelen Erscheinungen verwirklicht finden wird.*) Wie man aber mit der Geschichte in der Hand die verschiedenen Wirkungen an den Staaten beobachten kann, welche in geschichtlicher Entwickelung und welche gegen die geschichtliche Entwickelung ihren Weg nehmen, so kann man auch gewahren, was in einem Staate ohne eine Entwickelung geschieht. Nichts wird seit Jahren mehr besprochen, gewünscht und erstrebt als die Einheit Deutschlands. Die Gründe für eine solche sind bekannt. Aber was ist bis heute daraus geworden? Selbst das Band, welches die deutschen Staaten miteinander verknüpft, hält den ersten besten Choc kaum aus. Und warum dies? Weil die Idee des einigen Deutschlands noch keine Entwickelung hinter sich hat, weil sie nur in der Phantasie und im Munde einer Schar Gebildeter lebt, aber keinen geschichtlichen Untergrund und keinen geschichtlichen Aufbau hat, wohingegen die Tendenz der Zersplitterung in kleinere Staaten durch die ganze Geschichte des deutschen Reiches geht. Was auch die ossiciellen Vereinsfeste kundthun, im Herzen der deutschen Völker lebt der staatliche Particularismus noch mit voller Energie und weder die Sachsen noch die Baiern wollen sich ihren besondern Staat nehmen lassen. Das Jahr 1848 hat es hinlänglich erwiesen, denn die deutsche National-Versammlung hatte ihre Schuldigkeit gethan, eine Verfassung und einen Staat geschaffen und einen Kaiser gewählt. Als sie aber fertig war, erhob sich keine Hand für sie und ihr Werk war vergebens. Aber auch jetzt noch frage man bei der *) Man braucht nur daran zu denken, wie Frankreich wegen der Wahlreform 1848 in die Februar-Revolution verfiel, während England eine solche und noch andere Reformen auf die friedlichste Weise vollbrachte. Masse des Volkes an, und wäre es im kleinsten deutschen Lande, ob sie sich freiwillig einem größern deutschen Staate anschließen und ergeben wolle? Die Antwort wird mit Heftigkeit verneinend gegeben werden. Dies schließt natürlich nicht aus, daß man der Gewalt weichen und der darauf folgenden Entwickelung sich ergeben würde. Ich glaube schwerlich, daß man in den 1815 an Preußen gefallenen Theilen der Provinz Sachsen noch irgend einem Wunsche, sich wieder von Preußen zu trennen, begegne. Aber da die Verhältnisse zu einer gewaltsamen Vereinigung gewiß nicht angethan sind und diese nur mit den furchtbarsten und zerstörendsten Kämpfen verbunden sein könnte, hat die Einheit Deutschlands, soweit wir blicken können, keine Aussicht, weil sie ohne die geschichtliche Entwickelung wäre. Gerade darum kann ich mich der Meinung nicht entschlagen, daß das russische Volk nock einer großen Zukunft entgegengeht. Es kann freilich, weil seine Entwickelung um vieles später begann als die der übrigen europäischen Nationen, nämlich erst mit Peter dem Großen, nur noch weit hinter diesen zurück sein. Aber die 1*/2 Jahrhunderte, die seitdem verflossen sind, gingen mit großen Erfolgen vorüber und die außerordentlichsten Fortschritte werden in friedlicher Entwickelung ohne irgend eine Erschütterung vollbracht. Die neueste Zeit seit der Thronbesteigung Alexander H. liefert dafür die erstaunenswerthesten Belege. In einem Staate, wo die Aufhebung der Leibeigenschaft von 22 Millionen Menschen, die Umwandelung der hörigen Bauern zu freien Grundeigenthümern in wenigen Jahren ruhig vor sich gehen kann, lebt unzweifelhaft ein außerordentlicher Vigor, welcher nur der Zeit bedarf, um die gesundesten Früchte zu reifen. Das Geheimniß, warum Polen untergehen und mit jeder krampfhaften Zuckung nur noch hoffnungsloser verfallen mußte, liegt einzig darin, weil es nach einer ungeheuerlichen einseitigen Entwickelung mit dem starresten Trotze jeder andern widerstand. Während in Frankreich der Feudalstaal in einen einheitlichen absolutistischsten überging, in Deutschland sich aus jenem größere und kleinere absolutistische Staaten bildeten, machten sich in Polen alle Adligen zu absoluten Souveränen; denn nichts anderes bedeutet das Veto, daß jeder polnische Adlige dem gesammten Reichstage entgegenstellen konnte, um die Giltigkeit eines Beschlusses zu verhindern, und von dieser Souveränität jedes der zahllosen adligen Herren wollte Polen sich nicht losreißen, auch 1830 nicht, auch gegenwärtig nicht, und so mußte erst Rußland die pol- 14*

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