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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-29 · Heft 14 (29.3.1864) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 14 (29.3.1864)
Date
1864-03-29
Page
Seite 204 (sequence 2)
Language
German
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204 fassen, drei Königreiche, die in drei vielfach voneinander verschiedenen Volksstämmen beruhen; dabei umschließt Großbritannien eine durch Kirchen und Seelen aufs äußerste gespaltene Bevölkerung und die anglikanische, presbyterianische und katholische Kirche in England, Schottland und Irland stehen sich so schroff gegenüber, daß der Friede unter ihnen gar nicht möglich scheint. Hierzu kommt, daß Großbritannien ungeheure Colonien besitzt, welche jeden Augenblick die Aufbietung aller seiner Kräfte zur Erhaltung ihrer Botmäßigkeit verlangen können. Und endlich, so groß auch die britische Seemacht ist, so liegt doch hierin den continentalen Mächten gegenüber auch eine Schwäche, da deren Wirksamkeit auf große Binnenländer nur eine beschränkte sein kann, so daß England, wenn es activ auftreten will, stets einer Bundesgenoffenschaft bedarf. — Ganz das Gegentheil zeigt uns Frankreich. Ganz Frankreich umfaßt nur eine große Nation, die vom Nationalgeiste kräftig durchdrungen ist; was Frankreich vom deutschen Stamme sich angeeignet hat, ist seitdem vom' französischen Geiste so durchzuckt, daß es als völlig naturalisirt angesehen werden kann und untrennbar mit ihm verbunden scheint. Frankreich umschließt aber auch alles, was zur französischen Nation gehört, und was etwa außerdem französisch spricht, wie ein Theil der Belgier und die Bewohner der französischen Schweiz, lebt in freien Staaten, so daß es hier nichts zu befreien oder zu rächen gibt. Dieser mächtige Körper mit lebhaftem militärischen Geiste kann daher ruhig auf seine Kraft vertrauen und hat sicher keine aggressive Bewegung zu fürchten, so lange es selbst nicht in diese verfällt. Es besitzt neben einer furchtbaren Landmacht eine zur Bertheidiguug auf der Seeseite genügende Flotte, unbedeutende Colonien, deren Besitz keine Lebensfrage für dasselbe ist. — Wenn wir aber nun, nach dieser Betrachtung, uns fragen, welcher dieser beiden Staaten der glücklichere, der am wenigsten gefährdete, der seinen Bürgern die meiste Bürgschaft einer ungestörten und freien Existenz verleihende sei; so lautet die Antwort gerade in entgegengesetzter Weise. In Großbritannien ist das ganze Volk in allen seinen Schichten, Tories, Whigs, Radicale, Aristokratie, Bürgerschaft und Proletarier in ihrer Staatsverfassung völlig übereinstimmend in der Achtung vor dem Gesetze, in dem unerschütterlichen Willen, die vorhandenen Schwächen und Schäden nur im verfassungsmäßigen Wege zu heilen, einig; die drei Nationen, ohne ihre Individualität zu unterdrücken, in immer innigerer Verschmelzung aller vaterländischen Interessen, die möglichste persönliche Freiheit mit der größten Kraft des Gesetzes, mit dem mächtigsten Triebe gesetzlicher Ordnung vereinigt, die verschiedenartigsten Kirchen und Secten durch Gewissensfreiheit trotz vieler .Bigotterie in Frieden nebeneinander, bei großer Ungleichheit der Stände alle Classen durch die Gleichberechtigung vor dem Gesetze und durch die Einheit des nationalen Geistes friedfertig untereinander und die Beziehungen zu den anderen Staaten und Völkern dadurch von entschiedenem Werthe, als diese von England im allgemeinen keinen Angriff sondern vielmehr Schutz und Unterstützung erwarten. In der That zeigt die Geschichte niemals eine Coalition gegen England, sondern dieses stets innerhalb der Coalitionen. — Ist dies nun auch bei Frankreich der Fall? Schwerlich sind wir hierüber zweifelhaft. Seit fünfundsiebzig Jahren den furchtbarsten innern Kämpfen ausgesetzt, fast immer in einer krampfhaften Spannung begriffen, immer wiederholtem Umsturz ausgesetzt, von einem Extrem in das andere verfallend, bald auslösender Anarchie, bald zusammenpressender Despotie unterliegend, von einer alles beherrschenden Centralisation gefesselt, in viele Parteien gespalten, strebt es immer noch nach einem Ziele, das es nicht erreichen zu können scheint, und bietet heute so wenig Sicherheit für den Bestand seiner innern Verhältnisse, wie unter Napoleon I., unter der Restauration, unter Ludwig Philipp und in der Republik. In gleichen fieberhaften Schwankungen gewahren wir auch seine internationalen Beziehungen, die, anstatt im Verlaufe der Zeiten sich zu klären und zu setzen, heute unklarer und unsicherer sind denn je; wie es unter Napoleon I. Europa unterjocht hatte, dann unter der Restauration und Ludwig Philipp in Schwäche verfallen, sehen wir es jetzt in immerwährenden Schachzügen begriffen, aus denen jederzeit die ihm zugetraute Anmaßung, Herrsch- und Eroberungssucht hervorzubrechen droht. Darum ist ihm niemand Freund und verbündet, außer was da muß, jeder mindestens mißtrauisch, die Coalition ihm gegenüber entweder vorhanden oder doch bereit. Den besten Beweis hierfür liefert sein Verhältniß zu England, das im italienischen Kriege es allein ließ, in der mexikanischen Expedition im Stich ließ und in der Congreßidee zurückstieß — sicherlich nur, weil es Frankreich noch vielmehr fürchtet, als es von ihm erhofft, weil es mit Frankreich nur einen unumgänglichen Schritt gehen will, dessen zweiten mit ängstlicher Besorgniß beobachtend. Woher nun dieser den Erwartungen nach der natür-

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