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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-22 · Heft 13 (22.3.1864) · p. Seite 193

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 13 (22.3.1864)
Date
1864-03-22
Page
Seite 193 (sequence 7)
Language
German
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193 Judenthum sieht in der Anwesenheit eines Christen in der Synagoge bei einer Trauung, die im Namen des einzigen Gottes aller Menschenkinder geschieht, *) weder ein Bekenntniß noch eine Mahnung, sondern einen einfachen Act der persönlichen Theilnahme für das Brautpaar. Der Herr Prediger Marcel behauptet nun seitens des Christenthums das Gegentheil. Da jedoch das ganze anwesende christliche Publicum, insonders die Familie des Brautpaars diese Ansicht nicht hegte, weil sonst die Einladung nicht erfolgt wäre, so kann man die Meinung des Herrn Predigers nur für eine Privatansicht halten, die man bedauern kann, auf die man aber weiter kein Gewicht zu legen braucht. Wenn er aber als Motiv angibt, daß die Juden das Volk seien, „welches den Herrn Jesum gekreuzigt hat und dieser Handlung noch immer zustimmt", so ist jenes ein Vorgang, der in das Dunkel von 18 vergangenen Jahrhunderten hinaufreicht und den wir Juden bei Mangel aller für uns beglaubigten historischen Documente nur vom Hörensagen kennen. Was der Prediger aber vom „ZustimmkN" sagt, ist durchaus falsch. Der Jude kann nach den Lehren seiner Religion niemals dem Dogma der christlichen Kirche zustimmen, zur Verurtheilung des Stifters des Christenthums aber wird der Jude seitens seiner Religion weder aufgefordert noch verpflichtet. Offenbar ist es, daß die Gesinnung, welche dieses Schreiben dictirt hat, nur Haß und Zwietracht zwischen den Bekennern der beiden Religionen, die als ihr Fundament „liebe deinen Nächsten wie dich selbst" anerkennen, hervorbringen muß. Sicherlich stehen wir nicht im Rufe, dem Nivelliren der Religionen in Kirchen das Wort zu reden, auch werden wir es keinem christlichen Prediger verdenken, wenn er einen Juden nicht als Taufpathen zuläßt, weil die Taufe, ihrer Bedeutung und Form nach, eine christlich-kirchliche Handlung ist und der Taufpathe verpflichtet wird, für die christliche Erziehung des Täuflings Sorge zu tragen. Ein anderes aber ist es, bei einer Trauung anwesend zu sein, wodurch nicht pinmal* eine Zeugenschaft für die geschehene Handlung auferlegt wird. Man sage nicht, daß der Jude auch hiervon wegbleiben mag, denn es kann nicht gieichgiltig sein, ob jede auch ganz harmlose, *) Bekanntlich lauten die Benedictionen bei der jüdischen Trauung auf: „Der alles.geschaffen zu seiner Ehre", „der den Menschen gebildet", „der den Menschen bildete nach seinem Ebenbilde." fteundschaftliche Verbindung zwischen den Bekennern beider Religionen Schritt vor Schritt unmöglich gemacht und mit Haß erzeugenden Insinuationen umgeben werde. Breslau, im März. «Privatmitth.) Die jüdische Elementarschule des Herrn v>. P. Joseph hält in diesen Tagen ihre sechste Jahresprüfung. Sie hat allerdings verhältnißmäßig nur ein bescheidenes Dasein mit 73 Zöglingen in zwei Elasten, aber gerade darum ist ihr Bestand ein Beweis ihrer Tüchtigkeit. Zu der Prüfung ladet der Dirigent durch ein Programm ein, aus welchem Sie mir wohl Folgendes herauszuheben gestatten. „Das Werk der jüdischen Erziehung im allgemeinen hat seit Jahrzehnden unleugbar die erfreulichsten Fortschritte gemacht. Durch alles Keimen, Treiben und Reifen in den Aesten des kräftigen Lebensbaums der jüdischen Schule weht seit Jahrzehnden ein frischer Hauch gesunder Geistesentwickelung, die, weil naturwüchsig, auch nur segensreich sein konnte und die jüdische Volksschule einer neuen Entwickelungsphase zudrängte. Der alte Schlendrian, über den das geschichtlich-fortschreitende Leben längst den Stab gebrochen, brach wie faules, morsches Gebälk zusammen; aber inmitten des Zerfallenden erhielt sich erhebend und verklärend das Echte und Gediegene, der Kern jüdischen Geistes und Glaubens, der sich im Feuer des Mißgeschicks immermehr von den Schlacken reinigte und immermehr seinen wahren Werth erkennen ließ. Dieses Bleibende, von jenen ewigen Grundgedanken getragen, deren fortlaufende Entwickelung die Geschichte offenbart, tritt uns auch in den modernen jüdischen Schulen entgegen, die der historischen Tradition wie den Forderungen der fortschreitenden Cultur gebührende Rechnung tragen. Die würdige und glückliche Lösung dieser Aufgabe gibt ihnen ihre Daseinsberechtigung und zeugt von ihrer Gesundheit und Lebensfähigkeit." „Sinkt auch hie und da eine im Geiste der Neuzeit errichtete und geleitete jüdische Schule, nachdem sie eine kurze Laufbahn durchmesseu, in die Nacht der Vergessenheit, hält es überhaupt schwer, jüdische Schulanstalten in achtuugswerther Höhe zu erhalten: die Ursache dieser betrübenden Erscheinung liegt außerhalb ihrer Macht, sie liegt größtentheils in jenem tiefgewurzelten und weitverbreiteten Vorurtheil gegen jüdische Schulen. — Die meisten jüdischen Schulen schreiten, unbeirrt

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