Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 13 (22.3.1864)
- Date
- 1864-03-22
- Page
- Seite 192 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226432--22008-3259255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 1249 Katholische kommt. Rechnet man durchschnittlich nur 3 Gesetzrollen auf 1 Synagoge, so existireu circa 3000 Gesetzrollen in Preußen. Berlin, 11. März. (Privatmitth.) Ihr Aufruf in No. 11 hat hier vielfache Würdigung gefunden und in manchem, der sonst der ganzen Frage gleichgiltig zusieht, das Gewissen geweckt. Es war dies um so leichter möglich, als die gegenwärtige politische Stille und industrielle Stockung Zeit gewährte, sich auch für andere Dinge zu interessiren. Die Frage ist nur, ob die Regsamkeit eine dauernde und bis zu einem sactischen Erfolge reichende sein wird. Es kommt dazu, daß die große Mehrzahl der hiesigen Juden sich um jüdische Angelegenheiten, wenn sie ihnen nicht gerade durch die „Volkszeitung" nahe gebracht werden, gar nicht kümmern und daher ganz ohne Kenntniß der Verhältnisse und Personen sind. Man muß Ihnen Recht geben, daß es tüchtigen und thatkräftigen Führern in Berlin nicht schwer würde, zu großen Dingen anzuregen und Mittel zu finden. Doch darf man von der anderen Seite auch nicht vergessen, daß, wo die Masse lebendig und gesund ist, es auch niemals an rechten Führern fehlt und es dann nicht blos auf die Männer im Amte ankommt, um etwas zu erwirken. Dies ist es aber eben, was wir bezweifeln, das Leben und die Gesundheit in der jüdischen Masse zu Berlin. Ein anderes ist es um eine organische Gallerte, welche gereizt einige Empfindlichkeit äußert, oder um einen lebendigen und gesunden Organismus, in welchem der Reiz von innen heraus ausgeht und sich nicht blos in Empfindlichkeit sondern in thatkräftigem Wollen und Thun manifestirt. Das Schlimmste ist, daß auch die jetzige Lage in Berlin nicht vom allgemeinen und gesummten Standpunkte und Interesse der Gemeinde von den meisten betrachtet wird, sondern nur gleich wieder Gelegenheit gibt, sich in kleinliche Parteiungen zu zersplittern. Es versteht sich, wie die Erfahrung ja genugsam gelehrt hat, daß es sich hierbei selten um eine aufrichtige Ueberzeugung sondern meist nur um die Befriedigung der Eitelkeit und Wichtigthuerei handelt, denn wer einen Einfluß in der Gemeinde nach größerem Maßstabe sich nicht erwerben kann, wirft sich zum Leiter eines kleinen Kreises auf, der sich schon befriedigt fühlt, wenn er der Gesammtheit nur geschadet hat. So hat sich schon eine sogenannte orthodoxe Partei aufgethan, die eine separate Versammlung im „Englischen Hause" abgehalten, ohne daß natürlich die da Zusammengekommenen großentheils wirklich orthodoxe Juden sind. Man weiß, wie viel Juden es jetzt gibt, die für ihre Person und Leben der jüdischen Satzung gänzlich Valet gesagt und die dennoch bei solchen Fragen sich heuchlerischer Weise orthodox geriren. Rechnet man zu der Rührigkeit und Hartnäckigkeit, welche diese Art von Personen zu entwickeln pflegen, die Partei der Romantiker hinzu und bringt dann die Nachlässigkeit und Indolenz der sogenannten Aufgeklärten mit in Rechnung, so wird die Hoffnung auf eine glückliche Lösung zum Nullgrad heruntersinken. — Für die Hinterlassenen des Dr. Sachs hat man in angemessenster Weise Sorge getragen. Der Witwe ist eine Pension von nur 500 Thlr. zugesichert; aber man hat ein Capital von 25,000 Thlr. bestimmt, um ihr übergeben zu werden. Diese Summe wurde alsbald, jedoch nur durch Angehen der reichsten Personen allhier zusammengelegt. Lebuö, 7. März. (Privatmitth.) Wir erhalten von hier aus folgende Mittheilung! Nachstehendes Schreiben ist dem hiesigen geachteten Kaufmann Eduard Pi nthus, dessen Tochter kürzlich der Trauung einer Freundin als Hochzeitsgast beiwohnte, vom Prediger Marcel zugegangen: Ich habe gehört, daß Ihre Tochter gestern unter den Braut-Jungfern am Altar in unserer Kirche gewesen ist. Ich habe sie nicht bemerkt, da ich sonst genöthigt gewesen wäre, sie zurückzuweisen. Um einen solchen für den heiligen Ort und die heilige Handlung höchst anstößigen und Ihnen gewiß höchst unangenehmen Auftritt zu vermeiden, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß wir zum Altar des gekreuzigten Herrn Jesus und zu einer Handlung, die in Seinem Namen geschieht, nicht Glieder des Volkes zulassen können, das den Herrn Jesum gekreuzigt hat und dieser Handlung noch immer zustimmt. Eine solche Theilnahme könnte, wenn sie ernstlich ist, nur zweierlei Sinn haben: entweder wäre sie ein Bekenntniß des Glaubens zu dem Gekreuzigten oder sie ist eine Verhöhnung dieses Glaubens. Ich traue Ihnen zwar zu, daß Sie beides nicht gewollt haben, jedenfalls aber haben Sie sich die Bedeutung der Sache nicht klar gemacht. Lebus, den 26. Februar 1864. Marcel, Prediger. Zur Beantwortung dieses Schreibens kann man jüdischerseitS nur seine Ueberraschung aussprechen. DaS