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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-22 · Heft 13 (22.3.1864) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 13 (22.3.1864)
Date
1864-03-22
Page
Seite 188 (sequence 2)
Language
German
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188 derwlllen thun. Die allgemeine Stimme in Frankreich, welche sich jüngst gegen das Kriegführen, insonders die „Expeditionen" anssprach und selbst durch den Mund der napoleonischen Senatoren sich kundthat, zeigte, daß selbst die ruhmsüchtigste Nation Europas, nachdem sie aus der politischen Zurücksetzung, in welcher sie sich seit 1815 befangen glaubte, herausgehoben, von dem bloßen kriegerischen Ruhme nichts wissen wolle. Selbst aus dem Munde der Soldaten, die dem Feinde gegenüberstehen, hört man nicht selten die Verwunderung, wie sie dazu kommen, Menschen zu tödten, die sie gar nicht kennen und mit denen sie nie in Streit gerathen sind. Die Hilfe, die man den Verwundeten, ob Freund, ob Feind, zukommen läßt, die Behandlung der Kriegsgefangenen, die Art und Weise überhaupt, wie man die Wunden, welche der Krieg schlägt, sofort zu heilen bemüht ist, nachdem sie kaum geschlagen worden: alles dies erweist hinlänglich, wenn man einen vergleichenden Blick auf frühere Zeiten wirft, daß die Kriegslust nicht mehr zu den Neigungen der Völker gehört, daß die Auszeichnung im Kriege für die Völker nur eine sehr zweideutige Höhe einnimmt, daß das Verlangen des Friedens das am meisten charakteristische für die Gegenwart ist. Die äußere und innere Organisation unserer Zeit ist hierauf angelegt. Sie basirt auf gegenseitigem Austausch aller geistigen und industriellen Erzeugnisse, darin sind alle Interessen der Völker enthalten, daraus alle Bestrebungen und Arbeiten gerichtet. Die Verluste der einen Nation haben nicht minder Verluste bei allen anderen zu ihrer Folge; die Verminderung des Besitzes der einen zieht eine solche auch für die anderen nach sich. Der Geist der Menschlichkeit und Gerechtigkeit hat sich in der civilisirten Welt außerordentlich gestärkt und wenn er auch noch mit dem Egoismus und der Herrschsucht gewaltig zu kämpfen hat, so kann ihm dieser Kampf zuletzt doch nur zu seiner eigenen Entwickelung dienen. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, daß die Hauptschwierigkeit in den Verhältnissen liegt, die wir aus der Vergangenheit überkommen haben. Es ist, dies wird jedermann leicht erkennen, viel weniger gegenwärtig noch die Ausdehnung der Herrschaft als die Erhaltung derer, die ein Start und dessen Machthaber aus der Vergangenheit geerbt hat, welche die vorhandenen Kämpfe verursacht. Es ist jetzt kein Staat, der sich neuerdings fremde Nationen unterwerfen will, sondern er will nur diejenigen unter seiner Botmäßigkeit zurückhalten, über welche ihm das Scepter seil langer Zeit in die Hand gegeben. Wenn daher kriegerische Kämpfe auch innerhalb der civilisirten Welt unserer Zeit nicht erspart bleiben, so liegt doch deren Beschränkung hierin von selbst gegeben. Es kommt hierzu, daß die Kriegsführung durch ihre Ausbildung immer mehr finanzielle Kräfte in Anspruch nimmt, so daß bei der an sich schon bedeutenden Hinterlassenschaft von Staatsschulden, welche die vergangene Zeit jedem Staate übergeben hat, durch jeden Krieg der Ausgabeetat im höchsten Grade überbürdet wird. Es gab eine Zeit, wo das Aufhören des Krieges lediglich als Ausfluß der höheren geistigen und sittlichen Bildung erwartet wurde und wo es daher leicht für eine ideale Schwärmerei gelten konnte. Jetzt aber, wo die Solidarität der Interessen aller Völker immer mehr wächst, haben wir in dieser und im Finanzwesen der Staaten einen zweiten und sehr gebieterischen Factor für die Friedhaftigkeit, und die Erwartung für diese kann nicht mehr in das Reich der Chimäre gewiesen werden. Je allgemeiner also die von mir gezeichnete Enttäuschung in der Gegenwart ist, desto bestimmter können wir die zum Grunde liegenden Motive als einen positiven Inhalt unserer Zeit betrachten, also: das Streben der Völker nach Ausgleichung und Festsetzung der internationalen Verhältnisse durch die sittliche Entwickelung und die Solidarität der Interessen mit Ausschluß der physischen Gewalt. Es bleibt der Zukunft überlassen, diese beiden Momente zu so überwiegender Stärke zu bringen, daß das, worin wir, weil zu früh erwartend, getäuscht worden, in einer weiteren Periode sich erfülle. Zu ähnlichen Resultaten gelangen wir, wenn wir der zweiten Enttäuschung auf den Grund sehen, nämlich der Haltbarkeit und Macht des Constitutionalismus. Ich habe es nicht mit der Frage zu thun, ob dieses politische System nicht dennoch die Kraft besitzen werde, auch in den continentalen Staaten endlich durchzudringen, hier, wo ihm der Kampf gegen die Reste des mittelalterlichen Feudal- und gegen den modernen absolutistischen Staat so große Hindernisse entgegenwirft; auch nicht, inwieweit die s. g. constitutionellen Fictionen zu irgend respectabler Realität jemals gelangen können. Meine Aufgabe ist vielmehr allein, zu sagen: da die jüngst vergangene Zeit ihr ganzes Streben an diesen Constitutionalismus gesetzt hatte, so müssen dem, trotz der erfahrenen Enttäuschung, charakteristische innere Momente innewohnen. Und welche sind diese? Dies ist nun durchaus nicht schwierig zu beantworten. Der absolutistische Staat hatte die ganze Organisirung der Gesellschaft, die Bestimmung und die Betätigung ihrer Functionen, ihr ganzes inneres und

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