Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 12 (15.3.1864)
- Date
- 1864-03-15
- Page
- Seite 179 (sequence 9)
- Language
- German
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179 hiegegen nichts einwenden können und consequenterweise müssen in seder israel. Gemeinde diejenigen Anstalten vorhanden sein, welche das jüdische Religionsleben erfordert. Dennoch soll nach einer im Jahre 1854 gedruckten Beschwerdeschrift in einer der hervorragendsten israel. Gemeinden Deutschlands viele Jahre hindurch von seiten deS Gemeindevorstandes positiv und negativ alles geschehen sein, was zur Verdrängung und zum Zerfall des offenbarten und tradirten JudenthumS beitragen konnte, wodurch die Anhänger desselben sich wirklich gezwungen sahen, eine Eeparat-Gemeinde zu bilden. — Aehnliches steht jetzt in Baden zu befürchten. Nach einer Verordnung vom Jahre 1833 sollen hier bei Berathungen deS Shnagogenrathes (Gemeindevorstandes), welche Religionssachen betreffen, die Rabbiner den Vorsitz haben und bei Stimmengleichheit den Ausschlag geben, eine Bestimmung, welche ohnehin schon den religiösen Interessen nicht sehr günstig war, da dem Rabbiner leicht die Mehrheit opponiren konnte, wodurch seine Ansicht unterliegen mußte. Doch auch das genügt jetzt der Fortschrittspartei nicht mehr, vielmehr strebt sie an, den Einfluß der Rabbiner noch mehr zu beschränken, indem sie ihnen nur noch eine berathende aber keine entscheidende Stimme einräumen will, worüber bei der zuständigen Behörde Verhandlungen im Gange sind. Den Rabbinern würde zwar hierdurch manche Arbeit und Verdrießlichkeit erspart, denn die Discusston und Debatte über Religionssachen mit gelehrten und nichtgelehrten weltlichen Shnagogenrathsmitgliedern ist vielmal sehr unerquicklich; allein der Sache der Religion würde dabei schwerlich gut gedient sein. Wie können Banquiers, Fabrikanten, Kaufleute und Handelsleute allerlei Art über religiöse Fragen entscheiden, welche vor allem Gesetzeskenntniß erfordern? Und nur von solchen ist hier die Rede, denn in allen materiellen Fragen haben die Rabbiner schon bisher keine Mitwirkung gehabt. Wahrlich man wird hier an die Worte Schleidens in Ihrem trefflichen Leitartikel in No. 7 d. Bl. erinnert: „Und wie die Naturforscher Träger des Materialismus sind, werden sie wiederum gestützt, getragen und gegen alle Angriffe vertheidigt von dem unsere Zeit mehr und mehr beherrschenden Gewerbe. Eben hier, in den bessern Kern der Nation, der die Naturwissenschaft als seinen Grundpfeiler ansieht, dringen dann mit dieser auch die materialistischen Anschauungsweisen ein, und hier können sie sehr verderblich werden, weil ihnen hier eine höhere und freiere geistige Entwickelung nicht das Gleichgewicht hält und daher bald die unvermeidliche und richtige Consequenz der Nichtigkeit aller sittlichen Anforderungen gezogen werden wird, welche die genannten Naturforscher in lobenswerther Inkonsequenz von ihren Persönlichkeiten fern zu halten wissen." Frage» wir aber, was denn eigentlich die Fortschrittspartei dazu treibe, den Einfluß der Rabbiner so sehr beschränken zu wollen? Haben letztere es veranlaßt? Haben sie eine geistliche Macht, die zu fürchten ist? O nein, die Fortschrittspartei weiß recht gut, daß das Judenthum nie durch geistliche Macht, sondern immer nur durch die Macht des Geistes sich erhalten hat (Secharia 4, 6.), und wenn in früherer Zeit eine gewisse Macht, etwa die des Bannes, sich geltend machte, so geschah dies mehr auf Andrängen von seiten der Vorstände als der Rabbiner. Ueberhaupt, wo macht sich jetzt unter den Rabbinern ein zu fürchtender Einfluß geltend? In der Schule überwachen sie blos den speciellen Religionsunterricht, während die Geistlichen anderer Confesstonen den gesammten Unterricht leiten; das Armen- und Stiftungswesen ist verordnungsmäßig lediglich Sache des weltlichen Shnagogenrathes; zu Erschleichung von Erbschaften und Stiftungen zu geistlichen Zwecken ist weder Anlaß gegeben, noch irgend ein Beispiel davon zu nennen; also ist es lediglich die Leitung des Gottesdienstes, welche den öffentlichen Wirkungskreis der Rabbiner ausmacht, und da sollte man noch mäkeln wollen? — Aber vielleicht liegt doch gerade hierin der Grund zur Beschränkung ihres Einflusses, damit man eher den Gottesdienst verbessern und zeitgemäßer gestalten könne? — Diese etwaige Vermuthung widerlegt sich jedoch am klarsten durch die Hinweisung, daß nicht etwa aus solchen Gemeinden, wo der Gottesdienst noch im alten Zustande ist und das Verlangen nach Verbesserung durch die Schuld der Rabbiner unbefriedigt bleibt, sondern gerade aus solchen, wo die Rabbiner wirklich einen veredelten, würdigen und erbauenden Gottesdienst eingerichtet haben, und zwar von solchen Männern, welche diesen gewünscht haben, das Gelüste sich kundgibt, die Wirksamkeit der Rabbiner noch mehr zu beschränken, so daß jene Rabbiner, welche noch keinerlei Concession zur Verbesserung des Gottesdienstes gemacht haben, mit Recht darauf Hinweisen, welche Anerkennung die Fortschrittsrabbiner von seiten der Fortschrittspartei erhalten, und sind nun 12