Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 12 (15.3.1864)
- Date
- 1864-03-15
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
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173 wig Philipps: „die Charte soll zukünftig eine Wahrheit sein", wurde ebenso wenig eine Wahrheit wie alle früheren französischen Charten. Es zeigte sich, daß eine geschriebene und selbst beschworene Verfassung weder vor der Interpretationskunst der Regierungen, noch vor den revolutionären Angriffen des Volkes Stand hält. Diese Erfahrungen haben sich jetzt in allen europäischen Staaten wiederholt; und wenn man bei jeder Veränderung des politischen Luftzuges bald in diesem und bald in jenem Staate die Befürchtung allgemein austreten jsieht, die Verfassung werde aufgehoben oder doch in antiliberalem Sinne modificirt werden, so ist wohl der Beweis der allgemeinen Enttäuschung in der Gegenwart hiermit gegeben. Man mag zugeben, daß vielleicht in einer späteren Zeit das constitutionelle System auch auf dem europäischen Festlande ein dauerhafteres und kräftigeres Leben gewinnen könne, aber für die Gegenwart ist dieser Glaube verloren, noch dazu, da der nordamerikanische Bürgerkrieg gezeigt hat, daß die freieste, bald ein Jahrhundert alte Constitution nicht die Kraft, den Staat vor einem furchtbaren Zusammenstoß zu schützen, besitze, wo es sich um die Austragung eines großen Princips handelt. Lassen Sie mich nun noch die dritte Enttäuschung, die seil 1848 gekommen, hinzufügen, es ist die Enttäuschung über die Macht und Wirkungen der Revolution. Der Glaube an diese war früher in den Herrschern wie in den Völkern allgemein, in jenen und den Anhängern des Absolutismus und der feudalen Vorrechte als Furcht, im Volke als letzte Ausflucht. Wenn ich früher sagte, daß in den vierziger Jahren die öffentliche Meinung eine außerordentliche Macht gewonnen hatte, so war diese nicht blos Ausfluß der immer allgemeineren Bildung, sondern in nicht geringem Maße der in den Machthabern vorhandenen geheimen Furcht vor revolutionären Bewegungen. Die Erfolge der Revolutionen voll 1649, 1688, 1789 und 1830 standen in gar zu lebhaften Farben vor allen Geistern und erschienen als eine ultima ratio plebis. Seit dem Jahre 1848 ist dies gänzlich anders geworden. Die furchtbare Junischlacht in den Straßen von Paris, welche Cavaignae gegen die Socialisten siegreich bestand, die Vorgänge in Berlin und Wien, die Kämpfe in Dresden, der Feldzug in Baden, der Staatsstreich Louis Napoleons bewiesen, daß ein Volksaufstand gegen ein wohlorganisirtes Heer, wenn es von entschlossenen Führern geleitet wird, nichts vermag. Aber weil größer und nachhaltiger als diese Enttäuschung über die äußeren Erfolge war seitdem die über die eigentlichen und inneren Wirkungen der Revolution. Es kann jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen sein, daß eine solche nichts weiter als die Ruinen eines alten Regimes, das in sich bereits alles Leben und alle Kraft verloren hat, hinwegzuräumen, nicht aber ein neues an dessen Stelle aufzubauen vermag. Die Revolution hat einige alte, unerträglich gewordene, verlebte, aber dennoch mit unverminderter Anmaßung sich geltend machende Vorrechte zermalmt und aus der Welt geschafft; aber sie besaß nicht die Kraft, auf dem nivelltrten, enlsteinigten Boden selbst eine neue, frische Saat auszustreuen und zu befruchten. Hatte eine Revolution wirklich einmal die Befähigung zu bauen, so sank ihr Bauwerk doch bald wieder wie ein Kartenhaus zusammen, ihre eigene Hand zerschlug es, um ein neues, kühneres aufzuführen, bis die Menschen, ihrer Experimente überdrüssig, sich dem ersten besten Despotismus wieder in die Arme warfen. Dies war nicht blos das Schicksal der Revolution von 1789, sondern auch die überaus gemäßigte und vor dem Throne Ludwig Philipps stehen gebliebene von 1830 erfüllte sich 1848 in gleicher Weise. Man mag nun nicht glauben, daß diese Erkenntniß allein etwa in dem Bewußtsein der Denkenden, die Geschichte ernst Durchforschenden gegenwärtig lebe, sondern sie existirt gleichsam als Jnstinct im Gefühle auch des Volkes. Damit kann nicht gemeint sein, daß die Revolution nunmehr gänzlich aus der Weltgeschichte verschwunden sei. Ich spreche hier ja nur von der Gegenwart. Wo aber nur dem Volke kein allzugroßer materieller Druck auserlegt, wo ihm keine allzulästigen feudalen Vorrechte und Zwangsbanne zu tragen aufgenöthigt werden, da möchte wohl eine revolutionäre Bewegung, besonders aber eine so allgemeine, daß sie einigen Erfolg hätte, auf lange Zeiten schwerlich wiederkehren. Denn eine solche um Verwirklichung ideeller Principien ist ziemlich zur Unmöglichkeit geworden.*) Dies über den Charakter der Gegenwart. Sie werden sagen, daß dies blos Negatives sei. Es mag sein. Negatives setzt aber immer Positives voraus, nur daß das letztere zu Zeilen nicht so wahrnehmbar hervortritt und eben darum an dem Januskopfe der Zeit das ver- *) Daß diese Ansicht in ihrem eigentlichen Inhalte von uns schon vor 1848 gehegt und durch die Erfahrung seitdem nur bekräftigt worden, wird man aus unseren Vorlesungen über „die Religion der Gesellschaft" S. 168 ersehen. 12*