Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-08 · Heft 11 (8.3.1864) · p. Seite 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 11 (8.3.1864)
Date
1864-03-08
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226430--21974-3259219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

160 Nach den beigebrachlen Documenlen befürwortete Hr. Deutsch, daß ein jüdisches Concordal von seiten der Regierung den Juden octroyirt werde — und suchte er eine jüdische Hierarchie zu schaffen. Er empfahl Rabbinatsschulen,*) die die weltliche und allgemeine Bildung, ja das biblische Studium ausschließen und sich einzig und allein auf den Talmud beschränken, der überdies daselbst noch ganz so unwissenschaftlich behandelt wird, wie dieses vor einem halben Jahrhundert fast allgemein der Fall war. Rabbinern, aus diesen Rabbinatsschulen hervorgegangen, sollte Macht und Gewalt über die Gemeinden, in welchen sie ihr Amt versehen, gegeben werden, und den Gemeinden sollte es blos gegönnt sein, die Jünger dieser Rabbinatsschulen zu ihren geistlichen Führern. zu wählen. Doch damit begnügte sich Herr Deutsch nicht. Er sprach auch sein vielgewichtiges Urtheil über Orthodoxie und Reform im Judenthume aus und mit Berufung (risum tenealis) auf den Justizrath Wagener in Berlin, den bekannten Judenfeind, behauptete er, daß die orthodoxen Juden (wobei Hr. Deutsch auf dem Standpunkte vor dem Jahre 1820 steht) auch die loyalen, währenddem die Reformjuden, die Neologen (wie es sich dann von selbst versteht) die radicalen seien, welche gegen Fürst und Vaterland sich empören.**) *) Seit einigen Jahren besteht eine Rabbinatsschule in Preßburg. Man frage jeden Unbefangenen über die Leistungen derselben. Doch bald hätte ich einer Leistung vergessen. Der preßburger Rabbiner gibt alljährlich mehreren „Bachurim" während der Recrutirungszeit Zeugnisse, daß sie Rabbinatscandidaten sind, wodurch sie von der Militärdienstleistung befreit werden. **) Wir wollen Hrn. Deutsch nicht Rührigkeit und Regsamkeit absprechen. Die Frage über Orthodoxie und Reform und Judenthume wurde jüngst vor den Schranken des wiener Landesgerichtes, bei Gelegenheit des Prozesses Kompert, verhandelt. Die Staatsanwaltschaft erhob die Anklage wegen Beleidigung des orthodoxen Judenthums — ein Ausdruck, den das österreichische Gesetzbuch nicht kennt — infolge einer — „Anzeige." So sehr die Veranlassung zu diesem Prozesse bedauert werden mag, so hatte er doch ein großes Resultat. Es wurde anerkannt, daß in Oesterreich die Juden als solche vom Staate ankannt werden, nicht aber als orthodoxe rc. Mit einem Male wurde dadurch die orthodoxe Centralsynagoge mit allem, was daran hing, in die Luft gesprengt und dieses Resultat bereitet Hrn. Deutsch und manchem Neuromantiker der Orthodoxie großen Kummer. Wir lassen den Wortlaut des betreffenden Passus im Urtheile, welcher für weitere Kreise von Interesse sein dürfte, folgen: Um den politischen Radicalismus unter den Juden zu brechen, schlug er daher vor, daß das orthodoxe Element gestärkt und in Wien — wo im Jahre 1826 das Banner der Reform erhoben wurde — eine orthodoxe Central - Synagoge errichtet werde, welche, wie sich von selbst versteht, unter Leitung des orthodoxen Juden und loyalen Bürgers, des Hrn. Deutsch, stehen solle, und würde derselbe diese Mission nicht etwa, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, sondern einzig und allein der Sache wegen, da er von ganzem Herzen orthodoxer Jude ist, übernehmen. Die nöthigen Mittel hierzu sollten aus dem ungarischen jüdischen Fonde, welcher blos für Schulzwecke ins Leben gerufen wurde, genommen werden. Die Motivirung für den Antrag, daß Gelder, die für jüdische Schulen in Ungarn fondirt wurden, für eine orthodoxe Synagoge in Wien verwendet werden sollen, ist, wie es sich von einem derartigen frommen Juden und loyalen Bürger, wie es Hr. Deutsch ist, voraussetzen läßt, sehr einfach — weil Juden aus Ungarn nach Wien kommen. Manche der geehrten Leser dürften vielleicht fragen, wer Hr. Deutsch — den die wiener „Morgenpost" mit dem Titel: „Herzog von Jerusalem" beschenkte — fei, der gegen jede wissenschaftliche Bestrebung im Judenthume ankämpft, seine Glaubensbrüder, die nicht seine religiösen Ansichten auf religiösem Gebiete theilen, bei den Behörden denuncirt und mit dem Hinweise auf Rußland den Beweis führen will, daß seine religiösen Gesinnungsgenossen nicht nach politischer Freiheit streben und sie nicht wünschen. Wir können uns kurz fassen. Hr. Ignaz (Jsac) Deutsch ist nicht im entferntesten mit Jsac Aschkenas — Or Serua — aus Wien in Parallele zu stellen. Hr. Deutsch ist in Preßburg geboren. Daselbst war er ein„Jeschiba--Bachur", als welcher er wenig gelernt hat. Bald verließ er die Äeschiba und wendete sich dem Geschäfte zu und nach manchen Irrfahrten ist er jetzt Geldwechsler in Wien. „Mit Rücksichtnahme auf die Verordnungen vom 20. Juni und 13. October 1781 unterliegt es keinem Zweifel, daß die jüdische Religion in den Kreis derjenigen Confessionen ausgenommen worden sei, deren Hebung, Lehren, Gebräuche und Einrichtungen unter dem besondern Schutze der Strafgesetze stehen. Einzelne Secten dieser Religion, falls solche bestehen sollten, könnten auf diesen Schutz keinen Anspruch machen (Art. 4 des Kundmachungspatentes vom 27. Mai 1852.) Es würde also ein Angriff wider ein vom Gesammtjudenthume sich scheidendes orthodoxes Judenthum unter die Strafsanction der §§, 122 lit. b. und 363 St. G. niemals fallen können."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.