Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 11 (8.3.1864)
- Date
- 1864-03-08
- Page
- Seite 159 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Zerstreute Bemerkungen. In dem Diesterweg'scheu Jahrbuche für Lehrer auf 1864 ist ein ausführliches Referat über die Schrift des Dr. Meyer „Religionsbekenntniß und Schule" (Berlin, 1863) aus der Feder Diesterweg's enthalten. Es heißt darin (Seile 270): „Wer da meinen sollte, die Antipathie gegen die Juden sei aus der Welt verschwunden, irrt gewaltig. Man trifft sie sogar in den gebildeten Ständen noch am meisten, selbst unter den Literaten und den Lehrern. Wie bändigt und beseitigt man dieses grausame Vorurtheil? Ich kenne für unfern Zweck kein geeigneteres Mittel als dieses: man setzt einen Lehrer jüdischer Religion als ordentlichen Lehrer mitten in die Lehrercorporation hinein. Wer die Dornenbahn kennt, welche der in der Regel arme jüdische Knabe, der sich einem geistigen Berufe zu widmen sich entschließt, einem Berufe, der weit weniger Lockendes hat als die gewöhnlichen Erwerbszweige der Juden, der wird nicht verkennen, daß eine angeborne tiefe Liebe zu den Wissenschaften und eine Energie seltener Höhe von seiten desjenigen dazu gehört, der diese Bahn — wie es jetzt noch steht, fast ohne alle Aussichten auf entsprechende Lebensstellung — verfolgt. Ich schließe daraus und weiß es aus Erfahrung, daß solche Jünglinge und Männer zu den vorzüglichsten gehören. Mit dieser Vormeinung hat man ihnen zu begegnen und sie demgemäß zu behandeln. Mag das „christliche" Lehrer-Collegium den jüdischen Collegen anfangs mit einigem Mißtrauen ansehen, der Tüchtigste erzwingt sich Achtung, und dann steht das in Analogie und Conformität mit dem Staat gebildete, in Geist und Haltung einige Lehrer-Collegium der gemischten Schülerschaar als wirkliches Vorbild und Muster lebendig vor Augen. Solche Anstalt ist etwas anderes als die nach Confessionen getrennten Schulen und sie übt für die Ausrottung von Borurtheilen, für Gemeinsinn, menschliches Zusammensein, Achtung der Nebenmenschen, folglich für die wichtigsten Lebenstugenden ganz andere Wirkung aus als confessionell geschiedene, einander excludirende Schulen — zum Heil des städtischen und staatlichen Gemeinwesens und zum Glück der Bewohner desselben Staates, desselben Vaterlandes. Dr. Meyer wird diesen Ansichten beistimmen." Seite 291 sagt Diesterweg: „Der freie Forschergeist ist am ersten in den Juden zu erwecken, weil sie durch kein Dogma abgehalten werden, sich der Bezweiflung dessen, was bezweifelbar, weil unbewiesen ist, zu überlaffen." Literarischer Wochenbericht. Wien, im Februar. Um auch dem völlig Unbetheiligten volle Einsicht zu verschaffen, nehmen Sie wohl die Einleitung auf, durch welche in der Schrift „Beitrag zur Geschichte jüdischer Tartüffe" der Abdruck der Eingaben eingeführt wird. Es heißt da: „Wir waren lange Zeit in Zweifel darüber, ob wir diese Doeumente, Eingaben des Geldwechslers Herrn Ignaz Deutsch in Wien, veröffentlichen sollen. Wir achten jede persönliche Ueberzeugung, umsomehr widerstrebt es unserer Natur, gegen Personen zu kämpfen. Und doch hielten wir es für eine Pflicht, Herrn Deutsch ein Spiegelbild seiner Wirksamkeit vorzuhalten und denjenigen, die ihn nicht kennen, ihn vorzustellen; denn Herr Deutsch kämpfet nicht für irgend eine Ueberzeugung, er will sich einen Namen machen um jeden Preis und sich ein Andenken stiften, und wäre es auch durch eine Pasquinosäule. Herr Deutsch kann um so weniger Anspruch auf Schonung machen, da er selbst schonungslos, nicht nur gegen einzelne Personen sondern gegen ganze Gemeinden auftritt; und zwar nicht etwa öffentlich in Zeitungen und Brochüren, die eine Erwiderung re. möglich machen, sondern in geheimen Eingaben an die Regierungsbehörden. Es würde uns nicht schwer fallen, über einen Mann eine Satire zu schreiben, der für das sogenannte orthodoxe Judenthum zu kämpfen vorgibt, während er selbst am Sabbath das Comptoir geöffnet hält, sich mittelst eines Rasirmeffers den Bart abnehmen läßt und den glaubwürdige Männer am Sabbath haben spielen und rauchen gesehen; dessen Söhne frei und offen in den christlichen Gasthäusern in Wien, beim „Lamm" beim „Roß" rc. speisen. Ist es nun nicht sonderbar, daß ein Mann, der mosaische Gebote Übertritt, sich zum Anwälte des orthodoxen Judenthums aufwirft? Wahrlich man wäre versucht, über dieses Gebaren herzlich zu lachen, würde es nicht einen flagranten Beweis eines heuchlerischen Treibens geben, welches im Talmud mit dem Satze bezeichnet wird: „Die Thaten ausüben wie Simri und dafür den Lohn eines Pinehas in Anspruch nehmen."