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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-08 · Heft 11 (8.3.1864) · p. Seite 157

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 11 (8.3.1864)
Date
1864-03-08
Page
Seite 157 (sequence 3)
Language
German
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157 der Charakter und damit auch die Form der Feste sich mit dem Wandel der Geschlechter verändern. Mindert sich das nationale Leben oder entfernt sich die Hauptmasse des Volkes immermehr vom Naturleben, vom Landbau, so ist es natürlich, daß die Feste den hierauf bezüglichen Charakter verlieren und einen andern, namentlich den religiösen annehmen. Im Falle daß sie dies nicht vermögen, würde sich ihre Kraft mindern und sie würden erlöschen. Gleiches findet aber auch bei den religiösen Festen statt: sie werden nach dem Geiste der Zeitalter ihren gedanklichen Inhalt verändern, oder je nach diesem theils in den Hintergrund theils in den Vordergrund treten. Werfen wir von hier aus einen Blick auf die in der Thora vervrdneten Feste, so werden wir den tiefen Sinn bewundern, mit welchem in diese alle jene drei Momente hineingelegt sind und sich in ihnen die religiösen, nationalen und Naturgedanken lebendig vereinigen. In diese Bewunderung wird sich aber keine Ueberraschung mischen; denn da der Mosaismus ebenso wohl das Ziel verfolgte, die Religion des einzigen Gottes wie eine Nation als den Träger jener zu begründen, da in dieser Nation alles religiös sein sollte, diese Religion in ihrer concreten Erscheinung an diese Nation gebunden und darum die Einrichtungen zugleich national sein mußten; da ferner in dieser Religion Gott als Schöpfer der Welt, als Geber alles Guten und als der dieser Nation geoffenbarte und in ihrer Geschichte bethätigte Gott zugleich gelehrt werden sollte: ergab es sich wie von selbst, daß in den einzusetzenden Festen Religion, Nation und Natur in gleicher Fülle zum Inhalt und Ausdruck wurden. Wenn daher die beiden Feste Jom Theruah (Rosch haschanah) und Jom Kippur dem größten religiösen Gedanken, der Versöhnung mit Gott, jenes zur Selbsterkenntniß erweckend als Vorbereitung zu diesem, gewidmet wurden, so vereinigten die drei anderen nationalgeschichtliche Momente mit der Feier der Naturereignisse und erheben sich durch diese Vereinigung wieder zu hohen religiösen Gedanken. Dadurch geschah es denn, daß diese Feste durch die drittehalb Jahrtausende hindurch, trotz allem Wandel der Verhältnisse, in dem Bewußtsein und der Wirklichkeit des jüdischen Stammes ihre hohe Verehrung, ihren heiligen Glanz, ihre volle Wirksamkeit behielten, daß sie mit dem jüdischen Stamme vom Jordan bis zu den Küsten des stillen Oceans wunderten und wie in deu Hütten von Kanaan so in den Palästen am Ufer der Seine, Themse und des Mississippi heimisch sind, daß die dem Judenthume entsprossenen Religionen sie annahmen oder nachahmten. Denn durch jene Vereinigung der drei großen Momente waren sie befähigt, zu jeder Zeit dasjenige hervorzuwenden, was im Geiste und Bedürfnisse der Epoche lag; waren sie befähigt, ihren Charakter und ihre Formen zu verändern, ohne doch von ihrem ursprünglichen Boden entwurzelt und verdrängt zu werden. Bei jeder Betrachtung über die Feste, die im Gesetze vorgeschrieben sind, ihren Zweck und Grund, ist es daher nothwendig, jene drei Gesichtspunkte festzuhalten, und erhalten wir dann erst den rechten Maßstab. Im 43. Abschnitte kommt nun Maimonides zur Besprechung der Feste, und wollen wir seine Aussprüche einer Beleuchtung unterziehen. Hören wir, was er über den Sabbath spricht. „Der Sabbalh soll bekanntlich der Ruhe gewidmet sein, damit der Mensch den siebenten Theil seines Lebens in Freude zubringe und frei von Arbeit und Anstrengungen, denen der Jüngling und der Greis unterworfen sind. Hiermit verbindet sich noch der Zweck, daß der Sabbath jene erhabene Lehre für ewige Zeiten begründet, nämlich den Glauben an die Erschaffung der Welt." Es kann hierbei sogleich auffallen, daß Maimonides den 5 Mos. 5, 15. angegebenen Zweck des Sabbaths, an die Knechtschaft in Egypten und die Befreiung von ihr zu erinnern, übergeht, da eben der Sabbalh das Freiwerden des Menschen von der Arbeit und von der Dienstbarkeit des Geistes jenes Freiwerden Israels in Egypten naheliegend vermittelt. Aber viel wichtiger ist es, daß Maimonides den Sabbath lediglich aus dem Gesichtspunkte der Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Freude betrachtet, während die heilige Schrift die Heiligung als ein viel höheres, zweckliches Moment für den Sabbath aufstellt. Die Ausdrücke 'b« 'ttb na© , i©apb , 'nb ©np, der Zusatz zum Sabbathgesetz L2©-!pn 'n ■on *o n:nb (2 Mos. 31, 13.), die Erhebung des Sabbaths zum m« und nbi? rrnn geben dem Sabbath seinen positiven Charakter und lassen darüber keinen Zweifel zu. Der Sabbath sollte das Mittel und Werkzeug der Offenbarung zur Emancipation des menschlichen Geistes von der materiellen Lebenssphäre, die Erhebung des Menschen zur religiös-geistigen Loslösung sein, um hierdurch dem Menschen den Weg zu Gott, zu einem Leben in Gott immer wieder zu eröffnen. Bedenken wir hierbei, daß die Offenbarung nicht für einzelne geistig reiche und begabte Menschen, sondern für eine große Volksmasse und durch sie für die ganze Menschheit bestimmt war, so gab der Sabbath das nachhaltigste Mittel ab, durch welches die ganze Masse zu 11*

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