Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-08 · Heft 11 (8.3.1864) · p. Seite 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 11 (8.3.1864)
Date
1864-03-08
Page
Seite 156 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226430--21970-3259215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

156 manität, Gerechtigkeit und dem Begriff von der persönlichen Würde und dem persönlichen Recht aller Menschen gemacht hat. Heben wir nur ein Beispiel aus den jüngsten Tagen hervor. Die österreichische Regierung legt dem Reichstage einen Gesetzentwurf über das Recht der czernowitzer Israeliten zum freien Erwerb von Grundbesitz vor und nicht blos Abgeordnetenhaus sondern auch Herrenhaus nehmen das Gesetz ohne Discussion an, ja erlassen auch eine Resolution, welche die Regierung auffordert, die Aufhebung aller Beschränkungen des Grunderwerbes aus confessionellen Gründen zu erwirken. Da erhob sich keine Stimme mehr, welche aus solchen Rechtszugeständniffen an die Juden eine Erhebung der Volksmassen gegen diese weissagt, keine Stimme, welche von der Schädlichkeit eines solchen Rechts in den Händen der Juden spräche und verkündete, daß binnen wenigen Jahren aller Grundbesitz in den Händen der Juden sein würde. Alles dies, was vor kaum einem Jahrzehend so oft gehört worden, ist bereits Fraubaserei geworden, die selbst das reactionärste Mitglied des Reichsrathes vorzutragen sich nicht getraut. Daß solcher erfreuliche Fortschritt auch in der Volksbildung, in der wissenschaftlichen, künstlerischen und industriellen Befähigung und Thätigkeit der Juden eingetreten, brauchen wir nur anzudeuten. Wenn Religionslosigkeit und selbst eine Abschwächung alter Sittenstrenge in unserer Zeit auch bei den Juden einen beklagenswerthen Raum eingenommen, so ist dies eine im Bereiche des Menschlichen einmal nicht zu beseitigende Folge eines raschen Vorwartsschreitens. Aber nur ein einseitiger oder zum Schwarzsehen geneigter Beurtheiler kann verkennen, daß der religiöse Fond in unserm Stamme ein so großer und dauerhafter ist, daß er nicht mit der Zeit diese Schwächen zu überwinden, diese Auswüchse eines rasch treibenden Lebens zu beseitigen vermöchte, kann verkennen, daß aus der neuentstandenen Gemeinde, Synagoge, Schule, aus der bedeutsamen Entfaltung der Wohlthätigkeitsbestrebungen, aus der neugeschaffenen Literatur und Wissenschaft des Judenthums die kräftigsten Motive hervorgehen, um die vorhandenen Schäden zu heilen und die neue Gestaltung des religiösen Geistes und Lebens im Judenthume zu einem richtigen Ziele zu führen. So findet der Jude unserer Zeit bei dem Rückblicke auf die Vergangenheit aus seiner eigenen Geschichte die unwiderlegbarsten Beweise für die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechtes, für die Tendenz der Geschichte zur höheren Bildung und Gesittung der Menschheit, und das ist ein Vortheil, der für das allgemeine und persönliche Leben der Juden, für ihre Richtung, ihr Streben und ihren frischen Lebensmuth von außerordentlicher Bedeutung ist. Wir haben keine Vorrechte zu bedauern oder zu vertheidigen, welche uns genommen worden oder werden sollten; wir haben keine Zustände zu beklagen, aus denen wir herausgerissen worden und in welchen wir uns so wohl gefühlt hätten. Sondern alles dies im Gegentheil. Und wo wir Uebelstände in unserer Gegenwart empfinden, haben wir nicht auf ein Früheres zurückzugreifen, sondern vielmehr mit frischem Eifer an die Besserung in der Zukunft zu denken und zu einem regen Streben uns angefeuert zu fühlen. Einige Kritische Älicke auf Zweck und Grund der Gesetze nach Maimonides. v. Der Mensch besitzt die Neigung, seine Arbeiten und Genüsse in einen regelmäßigen Kreislauf zu bringen. Dann aber will er von Zeit zu Zeit diesen Kreislauf unterbrochen haben, um durch eine besondere Erregung, eine verschiedene Stimmung, anders beschaffene Umgebung und Genüsse aus dem gewohnten Gleise herausgehoben zu werden, worauf die Rückkehr zu dem geordneten Lebensgang nur um so angenehmer und mit erfrischten Kräften geschieht. Dies ist der Ursprung der Feste, die bei keiner Nation und in keiner Religion fehlen. Das Moment, an welches die Feste sich knüpfen und das ihren Inhalt ausmacht, ist ein dreifaches: ein nationales, ein an Naturereigniffe sich knüpfendes und ein religiöses. Große Geschehnisse, durch welche der Bestand der Nation begründet oder von neuem gesichert worden, veranlassen diese, Feste einzusetzen zu dauernder Erinnerung und zu immer wiederholter Belebung des Nationalgefühls und Nationalbewußtseins. Der Eintritt des Frühlings, die Vollendung der Ernte haben bei allen Völkern Freuden- und Dankfeste hervorgerufen. Endlich lag es im Wesen der Religion, wie überhaupt durch Feste in die Erscheinung zu treten, durch sie das Band zwischen ihr und den Menschen enger zu knüpfen, diese für sie zu begeistern, so auch besondere bedeutungsvolle Gedanken durch Feste in den Geistern und Herzen zu bethätigen und auf das Leben der Menschen wirksam zu machen. Es ist aber nun selbstverständlich, daß, während die Feste durch die Geschlechter hindurch in regelmäßiger Feier verbleiben, das inhaltliche Moment, also die Bedeutung,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.