Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 11 (8.3.1864)
- Date
- 1864-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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88. Jahrgang Allgemeine 11. Zeitung des Zu-enthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 8. März 1864. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in l1/» bis 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 3 Thlr. Halbjährig 1 Thlr. 15 Ngr. Vierteljährig 22^2 Ngr. Inserate werden mit 1'/2Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Beilagegebühren betragen für i Bogen 4 Thlr., i"r V2 Bogen 3 Thlr., für Bogen 2 Thlr. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs' Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt- Expedition für beide Letztere hat sich das Königs. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Jüdische Anschauungsweise. — Einige kritische Blicke aus Zweck und Grund der Gesetze nach Maimonides. V. — Spenden-Liste für die Rießer-Stistnng. — . Zerstreute Bemerkungen. — Literarischer Wochenbericht. — ZeitungsnachrichtenrDeutschland:Hadersleben. Preritz en: Bonn. Oefterre ichischer Kaiserstaat: Wien, Wien, Krakau, Aus Südungarn. Frankreich: Bayonne. Großbritannien: London, London. Holland: Zütphen. Marokko: Marokko. Leitende Artikel. Bonn, 28. Februar. Jüdische Anschauungsweise. Der Jude der gegenwärtigen Zeit genießt durch seine eigenthümliche Stellung einen Vorzug, welchen der Tieferblickende sehr hoch anschlagen wird. Es fehlt ihm nämlich an allem Grunde, ein laudator temporis acti, ein Lobredner der Vergangenheit zu sein und mit schmerzlichen Blicken auf die verschwundene „gute alte Zeit" zurückzuschauen. Die Vergangenheit der Juden in den letzten Jahrhunderten war eine traurige, aller höheren Momente beraubte, äußerlich und innerlich verkommene. Hatten die blutigen Verfolgungen aufgehört, so lasteten die Ausschließung von allem geistigen und gesellschaftlichem Verkehre, die Beschränkung auf ein niedriges Gewerbe, kleinliche Mißhandlung, Hohn und Verachtung aufs schwerste auf den Schultern unserer Väter und es war nicht einmal das erhebende Moment eines großen Martyriums vorhanden und zum geistigen Ersatz gegeben. Ebenso fehlte es ihnen an allem geistigen Aufschwung und es drehte sich bei ihnen alles nur um halachische Disputationen und Streitigkeiten. Welchen Werth man auch der treuen und scrupulösen llebung des jüdischen Gesetzes beilegen rnag, so verliert diese doch in der bezeichneten Zeit ihre wesentlichste Bedeutung dadurch, daß sie damals von der allergrößten Masse nur gedankenlos, unter dem Joche blinden Glaubens, der Furcht und der Gewohnheit vollzogen ward, so daß außer den Regungen einer Befriedigung in gefühlvollen Gemüthern weder für das Leben noch für die Geisteswelt irgend ein Werth von Belang daraus entstand. Hierzu kommt aber, daß unleugbar sich so viel Mißbräuchliches, die Wohlfahrt und die Bildung des Volkes Erdrückendes eingeschlichen hatte, daß nach jeder Richtung hin so viele Erschwerungen Platz gegriffen, daß selbst innerhalb dieser strengen Erfüllung der jüdischen Satzungen ein Aufräumen und Aussondern nvthwendig und eine Art Befreiung werden mußte. Bei allen Schwächen auch unserer Zeit, bei allen Wirren und Ueberstürzungen der Gegenwart kann daher ein Blick von der Vergangenheit auf die Resultate der Gegenwart für den Juden nur ein vielfach erhebender sein. Erwägen wir die Kürze des Zeitraums, der seitdem verflossen, so müssen wir erstaunen über die Fortschritte, welche die Menschheit in Hu-