Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 10 (1.3.1864)
- Date
- 1864-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
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145 res Volkes an der geeigneten Stelle zu vertreten. So lag es denn auch ganz in dem Drange der Verhältnisse, daß ein großer Zweig von dem Stamm der Gemeinde in Berlin sich löste, weil er im Zwiespalt der Zeitrichtung, von welcher er sich freilich zu stark ergriffen wähnte, und der religiösen Idee, welcher er seiner Erkennlniß nach nicht gerecht werden zu können meinte, sich ohne Stütze, ohne wahre Heilung sah. Die „Reformgenossenschaft" entstand; aber wiewohl sie weit über das rechte Ziel hinausschoß, so verdient sie doch die Anerkennung, daß ihrer Bildung ursprünglich ein edler Keim zum Grunde lag, der erst zu wuchern ansing, als er auf sich selbst angewiesen wurde. Für vi. Sachs war es zu spät geworden, diese Bewegung zu dämmen und in gesunde Bahnen zurückzusühren; vielmehr erwuchs ihm dadurch die unerquickliche Aufgabe, die Spaltung als eine unheilbare zu beweisen, die Gegensätze schroffer zu gestalten, die Verirrung, die sich bereits vollzogen hatte, durch die ausgesprochene Verachtung in gewissem Sinne zu sanctioniren und den Riß sich erweitern zu sehen, da man nicht zeitig genug sich vor denselben gestellt hatte. In dem Maße, als Sachs mit seltenem Talent seine Ueberlegenheit über die Bestrebungen der Reformgenossenschaft zu bekunden vermochte, entfernte er sich, ohne es zu bemerken, immer weiter von der Bahn, die er thalsächlich zu wandeln hatte, wenn er Ziele erreichen wollte, wie sie des großen Gemeinwesens würdig waren, dem er als geistlicher Hirt Vorstand, — wenn er die großen und edlen Gedanken der Zeit mit seinen Bestrebungen vereinen und durchdringen wollte, damit sie ihres Sieges gewiß und anderen Gemeinden mustergiltig wurden. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachten wir die größeren oder kleineren Differenzen, welche nunmehr innerhalb der Sächsischen Gemeinde selbst entstanden und in welchen Sachs, wenn überhaupt, nur mit Zögern der strebenden Richtung sich anschloß. Dahin gehören der Piutstreit, die Einsegnung, der Orgelstreit. In dem ersten Falle war die Nachgiebigkeit vollständig; in dem zweiten vermögen wir ihr keinen bestimmten Charakter beizulegen; in dem dritten wurde sie versagt, wiewohl der Tempel in Prag die Orgel hatte. Wir begreifen wohl die Rücksicht, welche der Verstorbene gegen den zäheren Theil der Gemeinde im besten Sinne des Worts üben zu müssen glaubte; aber wir können ihn andererseits von einer gewissen Unentschiedenheit nicht freisprechen, die ihn nicht zu der freien Entschließung und Erfüllung dessen kommen ließ, was er der bevorzugten Stellung und der hohen Berufsthätigkeit schuldete, in die er durch ein glückliches Schicksal eingesetzt war. Diesem Umstande entspricht es denn auch nur zu sehr, daß Sachs den Orthodoxen nicht ebenbürtig erschien, den Liberalen nicht genügte. Nicht ohne Einfluß blieb diese ganze Geistesstimmung auf die schriftstellerische Thätigkeit des Verstorbenen, der die „Stimmen vom Jordan und Euphrat", die Uebersetzung des „Machsor" und des „Sidur" ihr Dasein verdanken. Sachs besaß in hohem Grade eine auf Poesie angelegte Natur; ihm war ein so feiner Sinn für die Dichtung gegeben, ein so zartes Verständniß für die Zeichnungen der Natur, ein so beredter Ausdruck für die Stimmungen des Gemüths, daß jedes Wort, das er in der ungebundenen Rede — und um wie viel mehr in der gebundenen — sprach, ein kunstvoller Pinfelstrich war auf einem anziehenden Gemälde. In reizenden Zeichnungen führt er uns in den „Stimmen" Scenen aus der Geschichte des jüdischen Volkes vor und in zartgesponnenen Fäden entlockt er im „Machsor" — beidemal in rhythmischer Form — dem gedrungenen Text seine Deutung. Gleichwohl möchten wir in ihnen den Geist entdecken, welcher der freien Forschung sich abgewendet und zum Mittel des Gefälligen und Unschädlichen allein gegriffen hat. Eine wissenschaftliche Schätzung lassen im Grunde beide Leistungen nicht zu und der religiöse oder gottesdienstliche Zweck, welcher schließlich mit der poetischen Uebersetzung des Machsor erreicht werden müßte, wird gerade wegen ihrer schönen, kunstgerechten Form nicht zur Wahrheit werden. Denn wenn auch ein schönes Gedicht an sich schon zur Erhebung und Andacht führen kann, ein Gebet in poetischer Form zu erbauen und fromm zu stimmen geeignet ist, so wird doch die poetische Zartsinnigkeit, in welche die kernigen Gedanken des Machsor verlaufen, schwerlich zu wahrer, gottesdienstlicher Andacht führen, ja desto weniger, je feiner die Form gebildet ist, in welche der Teptinhalt gegossen wird. Und diesen Vorzug, der andererseits zum Nachtheil werden uruß, besitzt das Machsor von Sachs. Wir haben es für eine Ehrenpflicht gehalten, dem Verstorbenen nicht nur das Gute, dessen er so viel be» saß, nachzurühmen, sondern auch dessen zu gedenken, was ihm vorenthalten war nach der Weisheit des Schöpfers, der keinen Menschen, ohne daß ihm Schwächen anhaften, geschaffen hat. Di. Michael Sachs ist, lange bevor er die dem Menschenleben gezogene Grenze erreicht hat, aus dem Dasein gerufen worden, — wenige Tage vor sei-