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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-01 · Heft 10 (1.3.1864) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 10 (1.3.1864)
Date
1864-03-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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144 Kapitel des Jesaias, dessen Ansicht vom vielen Beten und Fasten gegenüber einem sittlich guten und tugendhaften »Leben er beifällig urgirt, wiewobl nicht ohne Schüchternheit vor Angriffen, denen er sich dadurch ausgesetzt glaubt, und kommt schließlich zu dem Resultate, daß die Propheten sowohl wie die alten Meister überhaupt im Ausdruck ihrer Zeit das Wort der Schrift deuteten und lehrten. Dieser Gedanke einer zeitgemäßen Erkenntniß und Auffassung des Religiösen tritt ebenso in der zweiten Betrachtung zu Tage, in welcher die vorgeschrittene Bildung und Wissenschaft des R. Jochanan den Sackai gefeiert wird. Gleichwohl ist es nicht dieser Fortschritt allein, welchen der Verfasser mit innerer Genugthuung an dem Lehrer Israels begrüßt — der berufen war, einen Durchbruch in dem erstarrten Glaubenssystem zu vollziehen — sondern mit besonderer Vorliebe verweilt er bei dessen sittlichen Lebenstugenden, Lessen tiefer Freundschaft für Gleichgesinnte, der Theilnahme gegen andere, der Tröstung für Leidende und seiner ganzen Selbstlosigkeit, wenn es galt, verstorbenen Gegnern ein ehrenvolles Bcgräbniß zu gestatten. Das fließende und gefällige Hebräisch, in welchem beide Themata behandelt sind, verrälh den begabten Verfasser, der schon als Knabe von 13 Jahren ein hebräisches, mit Beifall aufgenommenes Gedacht schrieb, das in der hebräischen Zeitschrift Rcschit Hamlizali von Samocz abgedruckt ist. Aber vor allem durften beide Products wie ein Glaubensbekenntniß, wie eine sich selbst angeeignete Lebensüberzeugung angesehen werden, nach welcher Sachs unter allen Wechseln und Vorkommnissen seine Ausgabe als geistlicher Führer eines Gemeinwesens bethätigen, seinen Beruf als Lehrer der religiösen Wahrheiten erfassen und verwirklichen wurde: nbount studia in mores. Unter solchen Auspicien und nachdem er seinen verdienstvollen Antbeil an der Zunz'schen Bibelübersetzung hatte, tritt llr. Sachs am 2. Ellul 1844 an die Spitze der Gemeinde in Berlin. Hier hatten früher Mannheimer, Zunz, Auerbach in dem Jaco b so h n'schen Tempel und vor der Elite der Gemeinde gepredigt; allein erst spat drang das Bedürfniß der Predigt in der Gesammtheit durch. Sachs wurde Prediger an der Gemeinde und lehrte das Gotteswort auf der Kanzel in der großen Synagoge. Die hinreißende Beredtsamkeit, die Anmuth des Vortrages, verbunden mit der Eleganz der Erscheinung und der classischen Vornehmheit, die dem Redner anhaftete, errangen demselben die unbestrittene Herrschaft auf seinem Gebiete und gewannen ihm die Gemüther des vorwärtsstrebenden Thesisin der Gemeinde. Der geschätzte Prediger wurde im Dienste der Zeit, deren Gebot mau nicht länger überhören konnte, in seine Stellung berufen, und da er seiner bisherigen Wirksamkeit gemäß und im Zusammenhänge mit dem Tempel in Prag, den er eben verlassen halte, der vorschreitenden Richtung zugethan erschien, so durfte es nur Folgerichtigkeit sein, wenn er den zeitgemäßen Anschauungen Eingang zu verschaffen bemüht war. Freilich blieb der Widerstand dagegen nicht aus, der in einer so großen, aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzten Gemeinde keinen Augenblick in Zweifel gezogen werden durfte; indeß damit nahm die Aufgabe des hervorragenden Predigers erst ihre eigentliche Gestalt an und der Anlauf zum Besflrn war gewiß noch nicht Lamit am würdigen Ziele angelangt, daß man „gegen Schimpf und Unglimpf sich gleichgiltig zeigte". Mit diesen Worten schließt Sachs das Vorwort zu seiner „Religiösen Poesie der Juden in Spanien", welches Werk wohl schon in Prag seiner Vollendung entgegenharrte und im ersten Jahre des berliner Aufenthalts in Druck erschien. Man wird dem Buche seinen bedeutenden Werth innerhalb der jüdischen Wissenschaft zuerkennen müssen und dem strebsamen Forschen Dank schulden, durch welches der Verfasser zu seinen Resultaten gelangt. Ein ähnlicher Maßstab wird mit Recht auch an die darauf erschienenen „Beiträge zur Sprach- und Alterthumskunde" anzulegen sein. In beiden Fällen verdient vor allem die selbständige, auf dem Grunde wissenschaftlicher Erkenntniß ihres Weges sich bewußte Richtung hervorgehoben zu werden, die an der Errungenschaft sich erfreut und erhebt, selbst wenn sie mit dem Gewohnheitsmäßigen in Wioerspruch zu gerathen scheint. Von da ab begegnen wir dem fähigen Manne nicht mehr mit derselben Sicherheit auf derselben Bahn. Sei es, daß er gegenüber der Aufgabe, die, wie alles Edle und Wahre, unvermerkt immer größere Verhältnisse annahm, sich schwächer fühlte, — sei es, daß er auf dem Wege seines Strebend zu anderen Ueberzeugungen gelangte: genug, er ist nicht mehr ganz im Lager derer zu finden, die um ihn sich zu scharen meinten, während er in dem emgegengesetzten Theil naturgemäß nicht zu Hause war. Es war eine Zeit der Gährung im Judenthume und der jugendliche Most der strebenden Kräfte, wie sie damals unter dem Luftzuge der Zeit sich geltend machten, wurde in drei Rabbiner-Versammlungen geklärt und in die rechte Bahn zu leiten versucht: aber Sachs erscheint nicht, um seinestheils die Interessen der Zeit und unse-

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