Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-01 · Heft 10 (1.3.1864) · p. Seite 143

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 10 (1.3.1864)
Date
1864-03-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226429--21954-3259198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

143 jüdische Gemeinde gibt, in welcher so Großes geleistet, so Heilsames erwirkt werden könnte, Großes und Heilsames für die Judenheit Preußens und Deutschlands und der ganzen Welt, wie in Berlin. Es soll dies kein Schmeichelwort sein, dazu hatten wir am wenigsten Ursache, sondern es ist unsere volle Ueberzeugung und wir könnten die Gründe dafür anführen. Aber auf die Wahl solcher Männer kommt es an. Großrabbinen als jüdische Würdenträger und Pfründner haben wir in Europa schon genug, die aufs Haar den Großrabbinen zu Konstantinopel, Kairo und Bagdad an Thätigkeit und Wirksamkeit gleichen; aber Männer voll aufrichtiger Begeisterung, von glühender Thatkraft, von praktischem Geschick und unermüdlicher Thätigkeit, dieser bedürfen wir, an solchen fehlt es uns, derartige muß Berlin in sein Rabbinat und seinen Vorstand rufen. Das schöne Wort auf der Kanzel ist von großem Werthe, aber von geringer Wirksamkeit, wenn es in den weiten Räumen theologischen Streites und theologischer Romantik umherschweift, wenn es nicht zu That und ernstem Eifer aufruft und ihm die That und der ernste Eifer nicht folgen. Berlin kann sich so wenig mit einem Rabbiner oder Prediger begnügen wie mit einer Synagoge. Vergleicht eure Gemeinde nur mit einer Stadt von 20,000 Seelen — wie viele Kirchen und Seelsorger besitzt eine solche! Es müssen drei, aufs mindeste zwei Männer von Charakter, entschiedenem Willen und bewährter Kraft dahingezogen werden. Fürchtet den Streit unter diesen nicht, wohl aber wünscht die Rivalität unter ihnen herbei! Daß die jüdischen Gemeinden mit sehr geringer Ausnahme nur einen Rabbiner oder Prediger haben, das ist vom Uebel. Denn dadurch wird Selbstüberhebung und Eitelkeit in ihnen genährt und ihr Verfallen in Lässigkeit gefördert. Der Wetteifer ist, wie wir Menschen einmal sind, ein vorzüglicher Stachel zum Bessern und Besten. Weiter zu sprechen ist nicht unsere Befugniß. Aber das Vorhergehende auszusagen war unsere Pflicht. Wir treten hiermit im Namen der Provinzen auf, denen ein Anspruch auf die Hauptstadt nicht abgeleugnet werden kann. Ja, Israeliten Berlins, nehmt unfern Ruf, unsere Mahnung freundlich auf und wollet sie wohl berücksichtigen! Es handelt sich auch um unser, der Juden in den Provinzen, Heil und Zukunft. Wie gern wollen wir unsere Blicke auf Euch gerichtet halten, wie gern Euch als Vorkämpfer und leuchtendes Beispiel anerkennen, wie segensreich wird alles Gute, was Ihr vollbringt, auf uns zurückströmen und uns zu religionsbrüderlicher Mitwirkung anziehen! So möge Gott Euch Einsicht und Kraft verleihen und seinen Segen über Euch walten lassen! j^^DrTMichaelSachs!^^| Unerwartet verbreitete sich die Trauerkunde von dem Tode eines Mannes, an dessen Namen seit länger denn 25 Jahren der Begriff einer edlen und hohen Kanzelberedtsamkeit sich geknüpft hat. Dr. Michael Sachs ist in seinem 56. Lebensjahre durch eine schnelle Krankheit dem irdischen Dasein entrissen worden. In Glogau am 11. Ellul 1808 geboren und auf dem dortigen Gymnasium vorgebildet, bezog der junge Mann die Universität Berlin und studirte dort Philologie und Philosophie. Nachdem er daselbst kurze Zeit der eben eingerichteten Gemeindemädchenschule als Leiter vorgestanden hatte, wurde er zum Prediger am Tempel in Prag berufen und 8 Jahre später, im Herbst 1844, übernahm er dieselbe Stellung in Berlin, in welcher er fast 20 Jahre wirkte, bis ihn am 31. Januar d. I. der Tod abrief, daß er ihn der ewigen Heimath zuführte. Wenn überall der aristotelische Satz wahr ist, daß in den späteren Erscheinungen der anfängliche Charakter sich wieder zeigt, so erklärt sich auch rückläufig an dieser Stelle leicht, daß Michael Sachs durch seine bloße Erscheinung auf der Kanzel frühzeitig eine unwiderstehliche Gewalt übte und daß er, dadurch unterstützt, mit Leichtigkeit seine Zuhörer auf der Zauberbrücke der Begeisterung zu angenehmer Befriedigung führte. In der That wirkten die beiden Factoren einer noblen Erscheinung und einer glänzenden Sprache, welche dauernd die Leistungen des Verstorbenen auszeichneten, bereits in Prag derart zu dessen Vortheil, daß bald die Predigt im Tempel selbst von denjenigen gern gehört wurde, welche dem Judenthmne und dem Gotteshause bis dahin fremd geblieben waren. Den geeigneten Maßstab für die Art und Weise, wie Sachs seine Wirksamkeit in Prag auffaßte und in welchem Geiste er sein Amt über die Sphären des Gebrauchs und des Herkommens erhob, liefern vielleicht zwei Aufsätze von demselben, die in der hebräischen Zeitschrift Xerem Obemeck Band 7, S. 125 und 269 sich stnden. In dem ersten Artikel bespricht der Verfasser das 58. 10*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.