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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-03-01 · Heft 10 (1.3.1864) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 10 (1.3.1864)
Date
1864-03-01
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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142 Synagogen und Berlin, eine Gemeinde von nahe 20,000 Seelen, baut erst jetzt neben der einzigen, verhältnißmäßig kleinen Synagoge eine zweite, und jährlich erlebte man den Skandal, zu den hohen Festen eine Menge Tanzlocale für den Gottesdienst verwendet und als Speculation hergestellt zu sehen. Als 1837 die Gründung einer jüdischtheologischen Facultät beabsichtigt wurde und sich selbst das damalige preußische Ministerium geneigt erklärte, zeigten sich die Provinzen in lebhafter Weise interesfirt; aber Berlin drückte das Unternehmen todt mit dem ausdrücklichen Vorwände: „es müsse erst sein Armenwesen reguliren". Als 1843 in den oberen Regionen die Absicht sich kundthat, die Juden von der Wehrpflicht auszwchließen, waren es die Provinzen, die beim Könige dagegen einkamen und den Rückgang dieser Maßregel bewirkten. Als 1856 in den beiden Häusern des Landtags der bekannte Versuch, den Juden die staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen, gemacht werden sollte, waren es die Provinzen, die einen Sturm von Petitionen erwirkten und eine allgemeine Aufregung hervorriefen, daß jener Versuch scheitern mußte. Als 1859 ein liberales Ministerium das Staatsruder ergriff, waren es wiederum die Provinzen, welche ihre Beschwerden an dasselbe richteten, und Petitionen aus der Provinz an das Abgeordnetenhaus drangen immer wieder auf die Lösung unserer Angelegenheiten. Und gerade in dem, worin Berlin die Initiative ergriff, hatte es entschiedenes Unglück. Sßine Reformgemeinde, wie sie aus den berliner Zuständen hervorging, warf sich sofort in ein solches Extrem, daß sie nicht allein isolirt blieb, sondern auf die Provinzen hemmend und zurückschreckend wirkte. Die Petition um Abschaffung des Eides more judaico wurde binnen 14 Tagen von Berlin mit zwei verschiedenen Eidesformeln versandt und blieb erfolglos. Während das jüdische Seminar aus der Jonas-Fränkel'ichen Stiftung zu Breslau zu einer blühenden Anstalt hervorwuchs, liegt eine ähnliche Stiftung in Berlin seit langer Zeit brach und unwirksam. Wie werden alle rituellen Handlungen in Berlin noch gehandhabt! So die Trauungen in einer Weise, daß man ihrer sich eher schämen muß als erfreuen kann, und die Unordnung bei Leichenbegängnissen macht sich oft sehr fühlbar. Wir verkennen vieles Gute, das in Berlin vorhanden ist, durchaus nicht. Sein Finanz- und Armenwesen ist vortrefflich geregelt, sein Schulwesen durch glückliches Zusammentreffen tüchtiger Pädagogen im Aufblühen. Viele segensreiche Vereine und Anstalten existiren daselbst und wir suchen nicht nach auffallenden Schwächen einiger dieser um des Werthes ihres Zweckes und des Umfangs ihrer Einrichtungen willen. Aber wo ist ein allgemeiner, für die Gesammtheit der Judenheit wichtiger Zweck, eine bedeutungsvolle Institution oder That, die von Berlin nicht sowohl ausgegangen als auch nur kräftig unterstützt und geordert worden? Höchstens wenn ein paar Pilgerhäuser in Jerusalem gebaut werden sollen. Wohin wenden sich die Blicke leidender, verfolgter Glaubensgenossen, um Stütze und Vertheidigung zu finden? Etwa nach Berlin? Als in der Damascusgeschichte, als in der Mortaraangelegenheit alle Welt die Stimme erhob, schwieg Berlin. So hat sich die berliner Judenschaft alles Verdienst und alle Ehre um die Erhebung und die Entwickelung des Judenthums in der neueren Zeit vorausnehmen lassen. Hiermit hat sie aber mittelbar noch mehr als unmittelbar geschadet. Denn sie hat nicht allein damit der guten Sache den Zufluß ihrer Kräfte entzogen, sondern auch das weckende Beispiel thatkräftigen Gemeinsinns fehlen lassen und auf die Provinzen einen stets hemmenden Einfluß geübt. Fürwahr, wir haben es nicht vor, hiermit nur Anklagen zu erheben, sondern wir sprechen alles dies nur aus, weil wir die Zeit einer raschen und nachhaltigen Besserung und Erhebung gekommen glauben. Wir sind der Meinung, daß die Ursache des Nebels bis jetzt darin lag, daß Berlin eine Menge alter Autoritäten, wenn auch die meisten nur von localer Bedeutung, besaß, welche das Heranziehen frischer unv thätiger Kräfte erschwerten oder gar verhinderten. Durch den Lauf der Zeit und nach dem Willen der Vorsehung ist es jetzt anders geworden. Wir verehren die Geschiedenen in ihren Verdiensten, aber was nicht geschehen, können wir nicht als gethan ansehen. Ein neues Krankenhaus steht da, eine neue Synagoge wird bald ihre Pforten öffnen, das Rabbinat ist gänzlich aufgelöst, der Vorstand hat sehr bedeutende Kräfte verloren und die entstandenen Lücken können in wirksamster Weise ausgefüllt werden. So ist die Gelegenheit da. Alles kommt darauf an, welche Führer für das geistliche Amt und für die Verwaltungsbehörde der Gemeinde berufen werden. Wir wissen, daß die Judenschaft Berlins die edelsten und umfänglichsten Kräfte in ihrem Schoße birgt, daß es an Willen und That durchaus nicht fehlen würde, wenn die rechten Männer im Vorstande und im Rabbinate sitzen. Dann wird jedem Rufe freudig Gehör geleistet, jeder Aufforderung nachhaltige Unterstützung gewährt und wir behaupten geradezu, daß es keine andere

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