Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1864)
- Date
- 1864-02-23
- Page
- Seite 134 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Krakau, 9. Februar. (Privatmitth.) Folgendes Factum habe ich Ihnen wahrheitsgetreu zu berichten: „Anfangs Januar cur. langte hier ein Eukel des rühmlichst bekannten Talmudisten Salaman Margolios aus Lemberg mit Empfehlungsschreiben beim hiesigen Rabbiner an, dem er folgendes Anliegen vortrug: Er habe mit seiner Frau 9 Kinder erzeugt, wovon ihm 8 sammt der Frau starben und ihm bloö ein Mädchen geblieben, welches sich jetzt im 13. Lebensjahre befindet und das seine ganze Stütze in den alten Tagen ward. Nun aber hat ein Bösewicht ihm auch diese Stütze geraubt, und habe er vernommen, daß sie in einem hiesigen Kloster untergebracht würde. Er ersuche deshalb den Rabbiner um die nöthige Verwendung. Anstatt daß der Rabbiner sich unverweilt zu Sr. Excellenz dem Bischof und anderen maßgebenden Herren begab, um die Freilassung des Mädchens zu erwirken, vertröstete er den unglücklichen Vater von einem Tage zum andern mit der Bemerkung, daß ihm das Wetter zu schlecht sei, um einen Gang nach der Stadt zu machen; und so verflossen 8 Tage, nach welcher Zeit die Herren Gemeindevorsteher Lebenheim und Deiches von diesem Vorfall Kenntniß erhielten. Sie begaben sich natürlich sofort zu Sr. Excellenz dem Bischof Galechi, aber zu ihrer großen Beschämung wurde ihnen von demselben bedeutet: daß er sie wohl als Vorsteher, aber nicht als Seelsorger kenne, weshalb sie kein Recht hätten, sich in diese Angelegenheit zu mischen. Gleichzeitig erhielten sie von einem befreundeten Geistlichen nähere Auskunft über den Stand der Sache, nämlich daß Sr. Excellenz der Bischof um die Bewilligung der Taufe bei der Statthalterei-Commission nachgesucht habe, und es bedürfe blos eines Schrittes von seiten des Rabbiners, um die Taufe zu verhindern. Demüthig begaben sich demzufolge die Herren Vorsteher zum Rabbiner, mit der Bitte um Verwendung in dieser Angelegenheit. Allein der heilige Oberrabbiner antwortete, daß er keine Lust habe, sich in eine solche Angelegenheit zu mischen, da er einmal eine zu schwere Zunge habe, um mit hervorragenden Persönlichkeiten zu sprechen, dann auch eine besondere verborgene Ursache habe. Näher darüber befragt, gab er eine unverständliche Stelle im So har an, nach welcher man sich mit dem Christenthume wegen einer solchen Lappalie nicht inConflict setzen sollte. Die Herren Vorsteher suchten die ganze Geschichte zu vertuschen, um ja den Rabbiner nicht zu compromittiren; allein das Jammergeschrei des unglücklichen Vaters, der um sein Kind trauert, da es bereits, wie man hier allgemein erzählt, die Taufe empfangen hat, entdeckte das Geheimniß. Der Chilul Haschem ist ungemein groß und man sieht die Zukunft der Gemeinde unter der Leitung dieses Rabbiners in sehr düsterem Lichte. Prag, 8. Februar. Die „Presse" läßt sich von hier schreiben: „Was Partei-Agitation betrifft, so stehen unsere Deutschen noch lange hinter den Czechen zurück. Die Deutschen werden nach dem Sieg in den Handelskammerwahlen wahrscheinlich lange, lange auf ihren Lorbeeren ruhen. Die Czechen fingen den Tag nach der Niederlage unverdrossen die Agitation von neuem an. Man kann es den Israeliten Böhmens wahrlich nicht verargen, wenn sie in Erinnerung des Judenkrawalls vor zwei Jahren und der häufigen Excesse auf dem Lande gegen einzelne jüdische Bewohner für die Koruna ceskä und die historisch-politische Individualität des Herrn Palacky nicht viel Sympathien hatten. Dafür rächten sich die Narodni Listh und der Hlas nach jeder mißlungenen Wahl durch die Beschuldigung, daß die Deutschen nur durch die Hilfe der Juden gesiegt hätten. Haben bisher die Drohungen gegen die Juden nichts gefruchtet, so sollen diese jetzt durch czechische Liebe gewonnen werden. Die czechische Ressource, die bisher in der Aufnahme eines Israeliten besonders difficil war, wirbt jetzt förmlich unter denselben. Gleich nach den Handelskammerwahlen wurden 10 Israeliten in die czechische Ressource eingeführt. So hofft man nach und nach die jüdischen Wähler für den czechische» Föderalismus, vor welchem dieselben mit Recht ein besonderes Grauen hatten, zu gewinnen. Frankreich. Bayonne, 7. Februar. (Privatmitth.) Ein schweres Schicksal hat die israelit. Gemeinde in Bordeaux heimgesucht; ihr ehrwürdiger Oberrabbiner H. D. Marx ist inmitten des Vorlesens eines Mcmoirs in einer Wohlthätigkeitsanstalt von einem Schlaganfalle getroffen worden, der seinen augenblicklichen Tod zur Folge hatte. Welcher Eindruck für die versammelten Mitglieder der Wohlthätigkeitsanstalt, welche sich zur vergeblichen Hilfe um den auf seinem Stuhle zusammengesunkenen Mann drängten! Möge der allgütige Vater tröstenden Balsam in die Wunde senden, welche diese?