Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1864)
- Date
- 1864-02-23
- Page
- Seite 129 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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129 zuerst von ihm verlangt, er möge nicht so viele Judenkinder aufnehmen; dann aber habe die Ueberzahl der jüdischen Kinder seine Schule in große Unordnung gebracht, weil fast jedes Kind seinen eigenen Codex befolge. Einige nähmen nur den historischen Bibelunterricht, andere den ganzen christlichen Religionsunterricht mit; einige kämen am Sonnabend und arbeiteten, andere kämen und hörten blos zu, wieder andere kämen gar nicht u. s. w. u. s. w. Das Verfahren fand indessen beim ganzen Publicum solche Mißbilligung, daß alle Localblätter eine Woche lang Material daran hatten und daß sogar ein Schauspieler im Thalia-Theater in „Berlin wie es weint und lacht" ein Couplet gegen die unerhörte „Schul-Jntoleranz" gesungen hat. Das Schlimmste, ich möchte sagen Verbrecherische in Noodt's Verfahren ist, daß er in die heilige Kinderwelt das Gift der religiösen Intoleranz, von dem darin kaum eine Ahnung lebt, jetzt eingeschleppt hat, welches, wenn auch nicht sogleich, doch gewiß später einmal, gleich der Hydrophobie, ausbricht. Uebrigens hat die Sache auch ihre juridische Seite. Eine Privat-Lehranstalt ist hier so gut wie ganz autonom, allein es ist immer ein Privatvertrag zwischen Lehrer und Eltern abgeschlossen und solange diese und ihr Kind das Schulprogramm nicht brechen, kann jener den Vertrag nicht einseitig aufheben. In diesem Fall kommt noch hinzu, daß für jedes jüdische Kind in Betreff der eben erwähnten Punkte eine besondere Uebereinkunft getroffen ist, welche demnach gleiche Kraft mit dem Hauptvertrag hat. Bei solcher Veranlassung fühlt doch selbst der eigensinnigste Nivelleur starke Scrupel in Bezug auf die Erziehung junger Damen. Bei allem Demokratismus, bei aller Brüderlichkeit will doch nieinaud seine Töchter in Contact mit Kameradinnen bringen, die oder deren Familien nicht in die bessere Gesellschaft gehören. Jch kann aus Princip mit dem oder jenem „Bruderherzen" Arm in Arm gehen —; aber auch meine Tochter mit der seinigeu? Gott behüte! Und da haben wir denn die Quelle zu allen aristokratischen und Kasten-Klüften, eine Quelle, die nie verstecht und ihre Producte ebenso wenig. — Es gibt also ewig auch aus diesem Gebiete speeielle Mitzwoth für Männer und ebenso für Frauen. Altonaer Juden haben in Veranlassung holsteinischer Localblätter dem Prinzen Friedrich eine Loyalitäts- Adresse überreicht, worin sie ihm versichern, sie seien durchaus gut schleswig-holsteinisch gesinnt und er, der Prinz, habe die liberale Verfassung von 1848 beschworen. Wie die Antwort gelautet, ist nicht bekannt geworden. Preußen. Berlin, 7. Februar. (Privatmitth.) Wir Juden sind in der That noch lange nicht so weit, um die öffentliche Anerkennung, welche Männer aus unserer Mitte für ihre Verdienste in öffentlichen Aemtern erfahren, mit Stillschweigen zu übergehen, und ist deren weitere Mittheilung um so gerechtfertigter, wenn wir dadurch zugleich Denksteine auf dem Grabe Heimgegangener aufrichten und für die Nachwelt bewahren. Gestatten Sie darum einen Bericht über die nach dem Hinscheiden des Dr. Moritz Veit gestern stattgefnudene Versammlung der Stadtverordneten Berlins. Aus Anlaß des erfolgten Todes des stellvertretenden Vorsitzende» Di-. Veit war die Versammlung auf den 6ten nachmittags zu einer außerordentlichen öffentlichen Sitzung zusammenberufen worden. Schon vor dem Beginn der Sitzung hatte sich ein zahlreiches Publicum eingefunden. Gegen 5 '/r Uhr eröffnete der Vorsitzende Hr. Koch ha n n die Sitzung und nachdem die Mitglieder wie auch die Zuhörer sich ohne Aufforderung von den Sitzen erhoben hatten, richtete derselbe ungefähr folgende Ansprache an die Versammlung: „Unsere Stadt hat einen Verlust erlitten, das fühlen und sprechen alle, zu denen die Trauerkunde dringt von dem Tode unseres geliebten und verehrten, nun Heimgegangenen Collegen und Freundes Di-. Moritz Beit. — Wie groß dieser Verlust ist, vermögen nur die zu ermessen, welche zu ihm in näherer Beziehung standen. Veit stand auf der Höhe der Menschheit. Ausgezeichnet mit klarem Verstände, hochgebildet in Kunst und Wissenschaft, empfänglich für alles Edle und Schöne, besaß er ein reines Gemüth, ein offenes warmes Herz und ein Hochgefühl für Recht und Wahrheit. Sein Wille, den Mitbürgern, dem Vaterlaude und der ganzen Menschheit zu nützen, erzeugte in ihm den Drang nach öffentlicher Thätigkeit. Freilich konnte er dazu erst gelangen, nachdem er durch selbstthätigen Antheil am Kampfe gegen veraltete Vorurtheile die Schranken hatte nieverreißen helfen, welche ihm um seines Glaubens willen entgegenstauden. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er im Jahre J S46 zunächst zum Stadtverordneten gewählt; später bekleidete er die Stelle eines Stadtrathes; seine Neigung führte ihn aber in die