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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-02-23 · Heft 9 (23.2.1864) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 9 (23.2.1864)
Date
1864-02-23
Page
Seite 128 (sequence 4)
Language
German
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128 noch lange nicht auf die Tagesordnung kommen kann) — der Antrag des Senats, der gegenüber von mehreren Taufenden Armer und Hilfloser mit dem Summum jus summa injuria gestempelt ist, modificirt werden kann; denn sonst steht es schlimm. Eine geschichtliche Entwickelung, die nach Jahrtausenden zählt, läßt sich nicht so leicht brechen. Unsere jetzigen Armen sind nun einmal so, daß sie eintretenbenfaUs von der Wohlthat, gegen einen geringen Tagelohn beim Schanzengraben und Schneeschaufeln zu arbeiten, fast durchgängig keinen Gebrauch machen werden, und unsere dürftigen Frauen frieren lieber, ehe sie sich auf offenem Markt ihre Torssaven in den Sack zählen lassen, sie hungern lieber, ehe sie von dein Armenboten jedes ihrer Hemden und Bettlaken stempeln lassen. Und das jüdische Krankenhaus, die jüdische Suppenanstalt, die Mazzothversorgung, die Beerdigungen rc. müssen ja jedenfalls separat erhalten werden. — Wir werden nun vielleicht die Frucht bOjähriger Arbeiten verlieren, werden unsere Straßen wieder mit jüdischen Bettlern und Tröeelausschreiern, möglicherweise auch unsere Gefängnisse mit jüdischen Perbrechern angefüllt — andererseits den patricischen Einfluß spendenvertheilender Reichen ungebührlich wachsen sehen. Denn es ist leider nur zu wahr, wir haben in unserer Gemeinde eine Classe von Nivelleurs, die das alles, ihren lieblosen Principien zu Gefallen, herbeiwünschcn. kerissent les.plutöt qu’un principe, sagen sie, jenen Bergmann parodirend. — Der Oberlehrer unserer israelitischen Freischule, seit Jahren der Fahnenträger der unwissenschaftlichen Negation, propagirt solche Grundsätze und wird, da er Mitglied der Bürgerschaft, sicherlich eine so schöne Gelegenheit nicht unbenutzt lassen. Doch vorläufig genug hievon. Der Hauptgrund des Verfahrens unseres Senats scheint in der Abgcneigtheit zu liegen, neue stehende Abgaben in diesem Augenblicke zu proponiren, und so dürften unsere jüd. Arnien wohl zuerst mit in den Fall kommen, die Süßigkeiten des Kriegszustandes zu schmecken. Im übrigen machen wir hier Fortschritte und es werden immer mehrere Juden in die Deputationen für die Finanzen, das Steuerwesen rc. gewählt. Bon besoldeten jüdischen Beamten hört man freilich noch nichts. Dr. Wolffson ist nach zweijährigem Präsidium der Bürgerschaft seinem eigenen Wunsche gemäß nicht wieder gewählt worden. Einem Herrn Dr. Schwarz, Mitglied der altonaischen Gemeinde, aber hier in Hamburg wohnhaft, wurde im vergangenen Sommer ein Sohn geboren, den er nicht beschneiden ließ. Als er das Kind nun in die altonaischen Geburtsregister eingetragen verlangte, wurde ihm dies verweigert mit der Angabe, man habe keine Rubrik für unbeschnittene Judensöhne. Die Sache ging durch mehrere Instanzen und auch das Rabbinat als Autorität mischte sich, gestützt auf alte Privilegien, hinein. Unterdessen erfolgte das neue holsteinische Judengesetz und das Rabbinatsgericht cessirte. Damit war die Sache aber noch nicht geordnet,'obgleich das Kind bereits in Hamburg registrirt war — wo die Beschneidung rein fakultativ ist — so erfolgte doch von der deutschen Kanzlei in Kopenhagen der Befehl, das Kind binnen einer gesetzten Frist entweder beschneiden oder taufen zu lassen (bekanntlich paskenen diese Herren gewöhnlich nach Rabbi Saul-Paulus). Hierauf Berufung an die holsteinische Regierung in Plön, und seit diese ebenfalls cessirte, liegt die Angelegenheit nun der Bundes-Executivbehörde vor, die aber wahrscheinlich etwas anderes zu thun hat als auch israelitische Legitimitäten zu prüfen. Wenn die deutschen Grundrechte in Holstein Gesetz werden, so entscheidet sich die Sache von selbst. — Hamburg, im Februar. (Privatmitth.) Ein Vorgang von sehr localer Natur hat hier so viel Aufsehen gemacht, daß er doch auch in dieser Zeitung erwähnt werden muß, umsomehr, als er ohne Zweifel auch im Auslande bekannt werden wird. Es ist der folgende. Der Inhaber einer unserer ersten Privatschulen für Töchter, Dr. Noodt, hatte allmählich so viele Judenkinder ausgenommen, daß sie in einigen Classen die große Mehrzahl bildeten und er besorgt wurde, sein Institut möchte in wenigen Jahren ein ganz jüdisches werden, wo dann nicht nur die Christen wegbleiben würden, sondern auch die Juden vom höheren Stande. Um dies zu ändern, griff er zu dem Mittel, durch Circular den sämmtlichen Eltern anznzeigen, Gesundheitsgründe zwängen ihn, nächste Ostern sein Institut aufzugeben; unmittelbar darauf jedoch den christlichen Eltern Anzeige zu machen, ihre Kinder würde er dennoch beibehaltcn. Die Juden, die dies erfuhren, brachten augenblicklich ihre Kinder in andere Institute (jüdische Töchterschulen gibt es hier fast gar nicht) unter, theilweise unter bitteren Vorwürfen, denen er die Versicherung entgegensetzte: eine jüdische gebildete Dame habe

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