Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1864)
- Date
- 1864-02-09
- Page
- Seite 104 (sequence 12)
- Language
- German
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104 troffen wurden und die man ferner mit Genehmigung der Statthalterei zu veranstalten willens sei. Aber wie überrascht wurde die Versammlung, worunter sich auch, nebenbei bemerkt, als Ausschußmitglied ein allgemein geachteter Israelit befand, als der königl. Commissar, ohne daß dazu nur die geringste Veranlassung geboten wurde, in seiner Peroration mit Emphase in serbischer Sprache, in höchst unwürdigen Ausdrücken, die sich nicht gut deutsch wiedergeben lassen, plötzlich ausrief: Ich bin gerne bereit, Ihre Vorschläge in Betreff des Vorschusses an Früchten zn genehmigen, nur hüten Sie sich wohl, nicht in die Hände der Juden zu gerathen! Der löbliche Magistrat hörte mit Devotion eine solche eines Staatsmannes und überdies bei einer öffentlichen Präsentation gewiß unwürdige Sprache betroffen und stillschweigend an — und entfernte sich. Wir überlassen es dem Leser, sich seine eigenen Bemerkungen und Betrachtungen über diese vom gemeinsten Judenhasse dictirte Phrase in dem Munde eines so hochgestellten Regierungsbeamten und bei einer so wichtigen und feierlichen Veranlassung zu machen und anznstellen. Aber im Interesse der h. Regierung finden wir es dringend geboten, darauf hinzuweisen und die Sache der Oeffentlichkeit zu übergeben, daß nicht durch die Taktlosigkeit der Organe derselben deren edelste Bestrebungen gänzlich vereitelt und zu Nichte gemacht werden. Wir wollen nun nicht, um die vage Beschuldigung des königl. Commissars zu entkräften, den Juden in Gr. Becskerek und im torontaler Comitat eine weitläufige Apologie halten. Noch weniger wollen wir es hier hervorheben, daß die hiesigen Israeliten sich bei den Sammlungen der Spenden für die Armen mit den höchsten Ziffern betheiligten und überdies dabei für die israelitischen Armen durch einen besondern Unterstützungs-Verein sorgten, da man dies ohnehin aus den veröffentlichten Spenden-Listen des hiesigen Wochenblattes deutlich ersehen kann. Aber das können wir nicht unterlassen hervorzuheben, daß die Israeliten am meisten und bereitwilligsten den Landgemeinden Brotfrüchte rc. auf Zeit und zwar auf Jahre (da, wie vorauszusehen, der Landmann selbst bei der gesegnetsten Ernte seine Zahlungen schwerlich in diesem Jahre zu leisten im Stande sein wird) geliefert haben und noch immer liefern. Ja die serbische Bevölkerung in den Dörfern des Banates erkennt es dankbar und offen an, daß es zumeist die Israeliten waren, die es ihr möglich machten, ihre Grundstücke zu erhalten; während sie gar oft und weit eher von den Capitalisten ihrer eigenen Nation und Religion zu Nothverkäufen und zur Parzellirung ihres Grund und Bodens gedrängt wurden. Durch letzteres Verfahren wahrlich wird der Pauperismus in einer grauenerregenden Weise gefördert und muß das Proletariat schrecklich überhand nehmen; wohingegen selbstverständlich dem Landmann bei einem Dahrlehn oder Vorschuß an Getreide doch wenigstens die Mittel geboten werden, in 2 bis 3 Jahren selbst schon bei guten Mittelernten seinen Grund und Boden ohne Anstrengung schuldenfrei zu machen. N. S. Als Curiosum kann ich Ihnen noch mittheilen, daß am 23. in Gegenwart des Herrn Commissars eine Minuendo-Licitation beim Comitate stattfand zur sofortigen Lieferung von Brotfrüchten behufs Bertheilung an arme Grundbesitzer, und daß ein Jude M. G. sie erstanden hat und zwar zu Preisen, bei denen er sicherlich nicht das Geringste verdienen wird.*) Rußland. Warschau, 20. Januar. Bekanntlich werden jetzt in Warschau Unterschriften zu Lohalitätsadressen an den Kaiser gesammelt, und zwar hat man die erste von den Juden unterzeichnen lassen. Auf den 17. waren die desfallsigen Deputationen nach dem Schlosse geladen. Der Statthalter General Berg wandte sich zuerst an die voranstehende Deputation der Israeliten, wie die Kreuzzeitung erzählt, und nachdem er geäußert, daß er ihre Adresse mit Befriedigung entgegcnnehme und sie an den Füßen des Thrones Seiner Majestät niederlegen werde, sagte Graf Berg: „Seine Majestät hat der israelitischen Bevölkerung seines Königreichs Polen in seiner Huld auf einmal so viele Rechte und Privilegien verliehen, wie Ihre Glaubensgenossen in anderen Theilen der Welt sie kaum durch lange Zeiten erlangten;**) für diese Wohlthaten sind Sie aber auch verpflichtet, ihm dankbar zu sein. Indem Sie dieses vor mir aussprechen, erfüllen Sie nur Ihre Pflicht. Weichen Sie nicht ab von diesem Wege und lassen Sie *) Der obige Bericht ist uns aus zuverlässigster Quelle zugekommen. Die Redaction. **) Dies ist eine sehr kühne Behauptung.