Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1864)
- Date
- 1864-02-09
- Page
- Seite 100 (sequence 8)
- Language
- German
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100 heitsliebe, der Drang nach dem ungeschminkten Recht in der Forschung immer mehr verloren geht, und zwar weil man viel mehr nach auffälligen Resultaten, nach neu erscheinenden und darum Aufsehen erregenden Schlußfolgerungen strebt, als nach richtigerem und klarerem Verständniß der giltigen Ansichten und Meinungen. So wird namentlich die Geschichtsfälschung eine immer häufigere Manie und man muß sich vor Monographien und Biographien in dieser Beziehung ordentlich hüten. Sie rücken den Gegenstand oder die Persönlichkeit, die sie behandeln, aus ihrem wirklichen Standpunkte heraus und setzen ihn auf ein Piedestal, das sie in ganz falschem Lichte erscheinen läßt. Liegt die Versuchung hierzu bei Mono- und Biographien überhaupt schon sehr nahe, so wird sie durch den Drang, etwas Neues und Auffälliges zu sagen, verdrei- und vervierfacht. So wurde vor kurzem Tiberius zum menschenfreundlichsten, wohlwollendsten und verdienstvollsten römischen Imperator gemacht; so versuchte neulichst ein anderer, Nero von seinen Todsünden freizusprechen; so wollte man von gewisser Seite her die Zerstörung Magdeburgs von den Schultern Tilly's abwälzen, und so hörten wir jüngst einen Bortrag, der Philipp II. von Spanien in einen bewunderungswürdigen Heros zu verwandeln suchte und die Tödtung seines Sohnes Don Carlos mit der That des altern Brutus, mit der Darbringung Isaaks von Abraham, ja vom christlichen Dogma aus mit Gott, der seinen Sohn dem Heile der Menschheit zum Opfer bringt, zusammenstellte! Wenn auf diese Weise die despotischste Herrschsucht, der finsterste Aberglaube, die hinterlistigste Diplomatie, der gewissenloseste Gebrauch von Scheiterhaufen, Henkersbeil und dem Dolch des Meuchelmörders ebenso wie vom Schwert und Geschütz zu bewunderungswürdigen Ausflüssen großartiger Principien gestempelt worden — da hört die Weltgeschichte auf das Weltgericht zu sein, sondern sie wird zur buhlerischen Magd aller Leidenschaften und Parteigelüste; da werden denn auch bald die gräulichsten Verfolgungen der Juden als gerechte Ergebnisse großer politischer und religiöser Richtungen übertüncht werden. Wir heben dies an dieser Stelle aber besonders darum hervor, weil wir die immer kräftiger aufblühende jüdische Geschichtschreibung vor solchen Mißgriffen und Abwegen bewahren möchten. Die Gefahr liegt schon darum nahe, weil gegen die Juden so erstaunlich viel Partei genommen ist und immer noch genommen wird, daß der jüdische Geschichtschreiber gar zu leicht in das Gegentheil verfällt und die Schäden mir nur sanfter Hand berühren darf, um nicht den Gegnern eine willkommene Waffe in die Hand zu spielen, die er mit übertreibendem Hasse anwenden würde, und weil in der That diese Schäden meist wieder erst Wirkungen der Verfolgung und Ausschließung sind, was die Gegner freilich unberücksichtigt lassen. Trotzdem muß auf dem Standpunkte, auf welchen wir heutzutage gelangt sind, der jüdische Geschichtschreiber nach völliger Unparteilichkeit streben und hierauf die größte Umsicht und den feinsten Takt verwenden. Vor allem aber ist diese Tugend in Betreff der historischen Persönlichkeiten anzumahnen. Es liegt im jüdischen Charakter eine große Entzündlichkeit, ein lebhafter Hang zur Bewunderung vergangener Größen, und unter dieser Einwirkung wird die Schilderung einer Persönlichkeit in die lichtesten Farben gekleidet und aller Schatten sorgfältig vermieden. Solche Lichtfülle stört und entstellt jede geschichtliche Auffassung. Ueberall muß der Geschichtschreiber Licht und Schatten mit gleicher Gerechtigkeit aufsuchen und darf nicht dem einen alles Licht und seinem Gegner allen Schatten zuwenden. Lieber in der Geschichte eine Illusion mehr zerstören als eine Illusion mehr schaffen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Bonn, 29. Januar. (Privatmitth.) Wir haben vor einiger Zeit in d. Bl. bemerkt, wie die reactionären Blätter die nationale Bewegung für Schleswig- Holstein als „von den Juden und Demokraten" hervorgerufen bezeichnen und verschreien, und konnten mit Fug und Recht darauf Hinweisen, daß, wenn Juden an dieser deutschnationalen Bewegung Theil nehmen, sie das lediglich als Deutsche thun, während sie, wenn sie allein an die Interessen ihrer Glaubensgenossenschaft denken wollten, sich für die Schleswig-Holsteiner nicht sehr begeistern könnten, da die dänische Regierung nach oftmaligem Scheitern erst im vorigen Jahre den holsteinischen Ständen einige Verbesserungen in der Stellung der dortigen Juden abringen konnte und man ihnen doch noch Beschränkungen genug reservirt hat, z. B. die Versagung des activen und passiven Wahlrechts. Gerade im Gegensatz machen sich nun in einigen liberalen Blättern Vorwürfe gegen die Juden