Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1864)
- Date
- 1864-02-09
- Page
- Seite 99 (sequence 7)
- Language
- German
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99 Gesetz dem Israeliten vorschrieb, gewisse Zeichen an seinem Gewände zu tragen, bei deren Anblick er sich an das Gesetz erinnere, so wird es uns nicht mehr auffallen, wenn diese Gewänder selbst durch ihr Gewebe nicht gegen das Gesetz, daß nichts in der Natur Verschiedenartiges verbunden werden dürfe, verstoßen sollten. Wenn wir erwägen, wie gerade in dem Ackerbau, als der hauptsächlichsten Beschäftigung der Israeliten, der Gedanke an Gott den Israeliten in der mannigfaltigsten Weise durch die gesetzlichen Vorschriften lebendig erhalten wurde, so kann es für uns nichts Geheimnißvolles haben, wenn das Verbot der Vermischung des Verschiedenartigen, also das Gebot, die Einfachheit und Naturgesetzlichkeit zu bewahren, auch in Feld und Weinberg zur Bethätigung kommen sollte. Wir müssen sogar hierher noch andere Gesetze ziehen, denen derselbe' oder doch ein nahestehender Gedanke zum Grunde liegt, wie: das Böcklein nicht in der Milch der Mutter zu kochen, Mutter und Junges nicht zugleich zu schlachten u. dgl. m. Aber auf diese werden wir ein andermal zu kommen Gelegenheit haben. Genug, daß wir auch hier, und wie wir glauben, ohne dem Gesetze Zwang anzuthun, eine höhere Perspective für die Zwecke des Gesetzes eröffnet haben, die dadurch sich uns darbietet, daß wir die einzelnen Vorschriften nicht getrennt voneinander sondern in ihrer innern Zusammengehörigkeit betrachten.*) Zerstreute Bemerkungen. Zn keinem Lande liegen die Preßverhältniffe eigenthümlicher als in Nordamerika. Freilich besteht dort zwar weder Censur noch Preßgesetz, weder Verwarnungen noch Confiscationen — und dennoch befindet sich die Presse in einer Abhängigkeit, wie sie in keinem Lande größer. Einerseits ist die öffentliche Meinung der unumschränkte Despot der Presse und wehe dem Schriftsteller oder Zeitungsschreiber, der sich unterfangen würde, gegen die zeitweilige allgemeine Strömung eine Meinung zu äußern und zu vertheidigen. Nicht nur würde das Blatt sofort seine Abonnenten verlieren, das Buch allseits perhorrescirt werden, sondern er selbst wäre auch den empfindlichsten Mißhandlungen ausgesetzt. Es ist eben niemand unparteiisch und die Parteien so hitzig, daß an Duldsamkeit nicht zu denken ist. So könnte es jetzt in der Union niemand wagen, die Sclavenfrage, nicht etwa vom Standpunkte der Conföderirten, sondern nur von einem unparteiischen, prüfenden zu besprechen. Andererseits halten die Corporationen darauf, daß aus ihrer Mitte nichts in die Oeffentlichkeit komme. Wie aber in der Allgemeinheit so auch bei den Juden. Der „Sinai" von vr. Einhorn ist nur eingegangen, weil in demselben mehrere Male einige große Gemeinden seiner eigenen Partei getadelt worden sind. So schreibt uns in diesen Tagen ein Correspondent: „Wundern Sie sich nicht, daß Sie so selten von Amerika aus den verschiedenen Gemeinden Berichte über locale Angelegenheiten erhalten. Bei der schon ziemlich bedeutenden Zahl tüchtiger deutscher Köpfe, die hierher verpflanzt worden, könnte dies auffallen. Aber man ist hier so empfindlich, daß die erste Aeußerung über Mißstände dem Verfasser den größten Nachtheil, wenn nicht geradezu Verderben zuziehen würde. Die meisten Gemeinden machen es ihren Beamten von vornherein zur Pflicht, nichts über dieselben zu schreiben oder bekannt zu machen. Man würde den Verfasser doch leicht herausfinden und weder die höchste Achtung noch das dringendste Bedürfniß würde die Gemeinde zurückhalten, ihn zu entfernen und jede andere Gemeinde würde es verschmähen, ihn "anzustellen." — Daß ein solcher Zustand nur zum großen Nachtheile der Gemeinden selbst gereichen muß, daß dadurch alle vorhandenen Uebelstände, und deren sind in dem Stadium, in welchem sich nothwendig die amekanischen Jsraeliten-Gemeinden noch befinden, sehr viele und sehr schädliche, sich verewigen müssen, sieht man leicht ein. Wir wissen, was man uns von jenseits des Oceans erwidern wird; man wird sagen: kehrt ihr nur vor euren Thüren, in euren Gemeinden habt ihr Mängel und Schäden genug! Und das ist wohl wahr, aber die europäischen Gemeinden lassen es an der Durchsprechung nicht fehlen und das Streben nach Entwickelung wird immer allgemeiner. Die Verhältnisse der amerikanischen Gemeinden liegen aber so eigenthümlich, daß eine offenmüthige und unparteiische Verhandlung ihnen nur zugute kommen würde, und da eine Menge von Hindernissen für sie nicht bestehen, die für uns in der alten Welt hemmend sind, so könnte die recht geleitete Besserung um so schneller eintreten. *) Siehe unser Bibelwerk, Bd. I zu 3 Mos. 19, 19. Es ist eine Eigenthümlichkeit der Epigonenzeit, die aber in der Natur der Sache liegt, daß die reine Wahr-