Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1864)
- Date
- 1864-02-09
- Page
- Seite 98 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226426--21906-3259147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
98 heidnischen Gebräuche, denen das Gesetz entgegeutrcten soll, einer spatern Zeit angehören und von denselben kaum eine Spur in der Zeit der Gesetzgebung nachzuweisen ist. Und dann, was hätte nicht alles verboten werden müssen, wenn man jedem heidnischen Gebrauche irgend eines entfernten Volkes durch ein bestimmtes Ge- oder Verbot hätte entgegentreten wollen? Vielmehr müssen wir auch hier positive Gedanken als Grund und Zweck der Gesetzgebung anerkennen. Stellen wir uns zuvor alles Zusammengehörige übersichtlich zusammen: 1. n) Ein Weib soll keines Mannes, ein Mann keines Weibes Kleid anthun, es ist ein Gräuel vor dem Herrn (5 Mos. 22, 5.); b) ein Mann, dem die Zeugungsglieder verderbt worden, soll nicht zur Gemeinde Israels gehören (5 Mos. 23, 2.). 2. a)*) Keines T hi eres männliche Zeugungsglieder dürfen verdorben werden (3 Mos. 22, 24.); b) Thiere verschiedener Art darf man nicht zur Begattung bringen und c) nicht zusammen arbeiten lassen.**) 3. a) Das Feld soll nicht mit verschiedener Saat besäet werden, auch soll man im Weinberge nicht Saat säen, weil sonst Saat und Ertrag des Weinbergs dem Heiligthume zu übergeben seien (5 Mos. 22, 9.); b) in Kleider aus Schafwolle und Flachs (also aus dem Thier- und Pflanzenreiche) soll man sich nicht kleiden (5 Mos. 22, 11.).***) — Nie¬ *) Maimonides gibt hierfür (Absch. 49) den ungenügenden Grund an, daß dies eine gemeine Beschäftigung sei, von welcher die Israeliten abgehalten werden sollten. **) Im Gesetz heißt es: mit Ochs und Esel zusammengespannt soll mau nicht pflügen (5 Mos. 22, 10.). Die Tradition dehnt es auf alle Thiere und alle Arten von Zusammenarbeiten aus, wie wir glauben, mit vollem Rechte. (Jor. Dea Milch. 297 tz. 10 ff.). Gewöhnlich erklärt man es, daß das Zusammenpflügen von Thieren verschiedenen Temperaments beiden eine Last wäre, Maim. a. a. O., daß dadurch diese verschiedenen Thiere nicht zur Begattung angereizt würden. (Kurz vorher hat er aber selbst gesagt, daß dies aus natürlicher Neigung gar nicht gesehe, und dann brauchten es ja nur Thiere eines und desselben Geschlechts zu sein, das Gesetz aber spricht von verschiedenen Thieren ohne Berücksichtigung des Geschlechts.) ***) Die heil. Schrift nennt dies bekanntlich 7:^3^ (Schatnrs) und die Tradition hält dies Wort für zusammengesetzt aus sntr gehechelt, "niü gesponnen und Ti: gezwirnt oder gewebt. Jetzt erklärt man es mit dem Koptischen 2CS2NTNEC, das einen farbigen, aus Wolle und Linnen gesponnenen Stoff bedeuten soll. mandem wird entgehen, daß in allen diesen Vorschriften etwas Gemeinsames sich hindurchzieht. Es ist theils von Naturwidrigem an sich, theils von einer Verbindung von in der Natur Verschiedenartigem die Rede und wir gelangen daher zur der Erkenntniß, daß hier dasselbe Princip consequent durchgeführt wird, daß alles Lebendige von der Pflanze bis zum Menschen innerhalb der von Gott in der Natur ihm angewiesenen Grenzen bleibe, die Einfachheit des Naturgesetzlichen bewahrt werde und nichts Naturwidriges zu bewirken gestattet sei. Die Verstümmelung der Zeugungsglieder, die Vermischung verschiedener Thiergaltungen, die Bekleidung mit den Gewändern des andern Geschlechts sind naturwidrig, verrücken die Schranken der Natur und verletzen die Gesetze der Natur in ihrer innerlichen Sittlichkeit und Heiligkeit. Das Gesetz ist aber überall consequent, es geht von dem Gesichtspunkte aus, daß ein Sittengesetz durch nichts mehr eingeprägt und seine Befolgung gesichert wird, als wenn es consequent durch alle gleichartige Erscheinungen hindurchgeführt wird und selbst da zum Vorschein kommt, wo es gleichgiltig zu sein scheint. Darum wurde dieses Princip auch auf Feld und Weinberg, nach der Tradition auf das Pfropfen der Bäume ausgedehnt, wobei wir nicht vergessen dürfen, daß im hohen Alterthume der Mensch ein viel innigeres Leben mit der Natur führte, in einem viel engeren unmittelbaren Zusammenhänge mit der Natur stand und so die scharfen wissenschaftlichen Scheidelinien durch die Natur noch nicht zog. Sollte der Gedanke, die Schöpfungen Gottes in ihrer Reinheit, Ganzheit und Einfachheit zu bewahren und heilig zu Hallen und sie nicht durch Vermischung des von Gott verschiedenartig Geschaffenen und Getrennten zu verwirren, zu entstellen und zu entweihen, im Gesetz ausgeprägt und vom Israeliten beachtet werden, so mußte er consequent durch das ganze Schöpfungsbereich hindurchgeführt und nicht blos auf Mensch und Thier, sondern auch auf die Pflanzen, ja auf die aus thierischem und pflanzlichem Product bereiteten Kleider ausgedehnt werde. Da trat dann dieser Gedanke in seiner ganzen Energie und Consequenz dem Israeliten entgegen und mußte sich seiner Geisteswelt vollkommen einwurzeln. Der Israelit sollte Gott den Schöpfer überall erblicken, sollte alles, was er hatte, was ihn umgab, was ihm Nutzen schaffte, als die Gabe seines Gottes betrachten und die Ehrfurcht vor den Werken und dem Wirken Gottes sollte ihn ganz und überall erfüllen. Dazu leitete ihn das Gesetz an. Wenn wir gedenken, daß dasselbe