Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1864)
- Date
- 1864-02-09
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
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auch Absonderungen des Gehirns und zwar normale, gesunde Absonderungen, da sie wenigstens bei 9/io aller Menschen vorgekommen sind und noch Vorkommen. Das Leugnen derselben von seiten des Materialisten ist daher bei ihm nur Störung einer normalen Function, eine Krankheit. Wie käme der Naturforscher dazu, die Existenz der Galle zu leugnen, für die er ja auch keine andere Bürgschaft hat, als daß die Ueberzeugung von ihrer Existenz eine normale Absonderung seines Gehirns ist. Der Verfasser kann daher auch den heutigen Materialisten den Vorwurf nicht ersparen, daß sie in der Behandlung ernster Fragen sich der Frivolität, der unsittlichen Leichtfertigkeit schuldig machen. Er sagt: „Gerade die groben Materialisten pflegen am meisten mit der exacten Wissenschaft zu prahlen und gerade sie haben das geringste Verständniß für das, was exacte Wissenschaft ist. — Alle Absonderungen im Körper sind nichts und können nichts anderes sein als chemische Elemente, die vorher schon in den absondernden Organen vorhanden waren, oder sie sind aus solchen Elementen zusammengesetzt. — Ich will die Herren noch gar nicht mit der Aufgabe in Verlegenheit setzen, mir den Prozeß, wodurch z. B. das Gefühl für Schönheit im Gehirn wirklich abgesondert wird, im einzelnen zu entwickeln. Nein, sie sollen mir nur die Möglichkeit Nachweisen, wie man wenigstens dermaleinst die einfachste Vorstellung, z.B. Baum, Gesetz u. s. w. als ein im Gehirn vorhandenes chemisches Element oder als eine Zusammensetzung aus solchen werde erkennen können. Genau dasselbe gilt für die Auffassung der Vorstellung als Gehirnlhätigkeit, das heißt als irgend elementare (räumliche) Bewegung oder eine Combination aus solchen. — Ein Naturforscher aber, der über die Natur von Dingen urtheilt und abspricht, deren Möglichkeit (geschweige denn Wirklichkeit) er nicht einmal nachzuweisen im Stande ist, erscheint in soweit nicht als exacter Naturforscher, nicht als Naturforscher, sondern einfach als oberflächlicher Schwätzer. Merkwürdig bleibt es dabei, daß die Materialisten, die so höhnisch über Philosophie die Nase rümpfen, doch von der wenigstens sogenannten Philosophie entlehnen und zwar gerade ihre unverzeihlichsten Schnitzer, denn das Leugnen des Geistes u. s. w. ist genau dieselbe Absurdität wie Hegel's Beweis, daß es keine Asteroiden geben könne." Als Resultate seiner Betrachtungen stellt Schleiden folgende auf: „Der systematische oder philosophische Materialismus ist in der Geschichte überwunden. Es war eine niedere Stufe der Erkenntnißtheorie, Locket Sensualismus seine letzte bedeutende Erscheinung. Der unsittliche Materialismus der Franzosen, z. B. im Thomme machine, oder Therese philosophe u. s. w. verdient nicht einmal Beachtung geschweige Widerlegung von seilen eines Gebildeten. Der Materialismus der neueren deutschen Naturwissenschaft beruht auf einer historisch bedingten Halbheit der Bildung und Halbheit der Anwendung naturwissenschaftlicher Methode. Er hört in dem Augenblicke auf, in welchem man die Methode der Erfahrung vollständig auf das ganze Gebiet des Wahrnehmbaren anwendet. Dann tritt sogleich der empirischen Naturforschung ----- die psychische Anthropologie, der Jnduction ----- die kaut'sche Kritik, der theoretischen Naturwissenschaft ------ die Metaphysik vollkommen ebenbürtig und gleichberechtigt an die Seite und immer stellt sich das zweite sogar über das erste, weil dieses ohne Erkenntnißtheorie keine Sicherheit hat, die Erkenntnißtheorie aber nur dem zweiten angehört. Die Entstehung jener Halbheit erklärt sich aus der Geschichte der deutschen Philosophie, da seit dem Beginn des Jahrhunderts Männer ohne alle reale Kenntniß und mathematische Bildung und ohne Verständnißfähigkeit für ihre Vorgänger einen Scheinruhm erlangten und die ächte Philosophie verdrängten. Von dem nun sich breitmachenden unbrauchbaren Geschwätz wendete sich wohlberechtigt die Naturwissenschaft mit Widerwillen ab, rettete sich zwar so vor schweren Verirrungen, aber indem sie, unberechtigt Caricatur und Original verwechselnd, die Philosophie überhaupt verwarf, verlor sie den vollständigen Ueberblick. Jnconsequen; und innere Widersprüche in der Naturwissenschaft selbst waren die unvermeidlichen Folgen. Ein Gegengift gegen diesen Materialismus ist nur in einer vollständigen empirisch-psychologischen Grundlage und in der Durchbildung zu einer darauf gegründeten Logik zu finden. Beide müssen, wie Naturgeschichte und Mathematik, wesentliche Unterrichtsgegenstände in den höheren Classen aller (Real- und Gelehrten-) Schulen werden." Hoffnung hat hierfür der Verfasser für die nächste Zukunft keine, da der Widerwille unseres naturwissenschaftlich-industriellen Zeitalters gegen alle philosophischen Untersuchungen sich nicht so leicht überwinden läßt.