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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-02-09 · Heft 7 (9.2.1864) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 7 (9.2.1864)
Date
1864-02-09
Page
Seite 95 (sequence 3)
Language
German
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93 die Philosophie ganz, die Mathematik oft und kommen daher aus ihrem einseitigen Streben und Arbeiten in Beobachtung und Experiment zu ihrem ganz einseitigen Materialismus. Zweitens zieht Schleiden als ein historisches Ereigniß den Eintritt der französischen Kämpfe und Herrschaft in Deutschland in der Mitte des letzten Jahrzehnds des vorigen Jahrhunderts, gerade als Kant's geistige Thätigkeit schloß, heran. Eine ganze Generation sei unter diesem Drucke verkümmert. Die Jugend, die unter demselben zur neuen Generation heranwuchs, eilte 1813—1815 zu den Waffen, um das Vaterland von fremder Despotie zu befreien, und nach dem Siege auf die Hochschulen, um im raschen Studium der Fachwissenschaften die verlorene Zeit einzubringen und sich eine bürgerliche Stellung zu begründen. Von einer Fortbildung der kant'schen Errungenschaften, welche die ruhige und ungestörte Gedankenarbeit des Geistes verlangt, konnte nicht die Rede sein. Jetzt traten aber Philosophen auf, die von Kenntniß der Mathematik und Naturwissenschaft gar keine Spur hatten, Fichte, Schelling und Hegel, und die daher die größten Absurditäten und die offenbarste Ignoranz als tiefe Weisheit ausgaben, der Logik den völligen Untergang zu bereiten versuchten, dabei das unsinnigste Deutsch auftischten und so jeder eigentlichen Wiffenschast den Weg coupirten. So war es um so natürlicher, daß die Naturforscher vor der Philosophie einen wahren Horror bekamen. Um die Richtigkeit seiner Erklarungsgründe für den sich spreizenden seichten Materialismus bei den deutschen Naturforschern zu erweisen, geht nun Schleiden einige Beispiele durch. Zunächst Virchow's „Vier Reden über Leben und Kranksein (1862)", und indem er den Charakter und die anderweitigen Verdienste dieses Mannes sehr hoch stellt, zeigt er doch und zwar unwiderleglich an vielen Stellen aus der genannten Schrift, daß Virchow in allem, was Philosophie, Logik und logisch scharfe Sprache nur entfernt berührt, in vollkommener Begriffsverwirrung steht und eine gänzliche Unkenntniß dessen zeigt, was auf dem Gebiete des Gedankens bereits geleistet ist.*) Wenn ein Mann wie Virchow so sehlgreifen kann, was soll man da von anderen erwarten? Leicht *) Man lese diese horrenten Beispiele bei Schleiden selbst nach. Wir führen nur die Definition an, die Virchow S. 24 gibt: „Ein Gesetz mit Kraft, ein Plan mit eigener Wirksamkeit ist Substanz." Welcher Unsinn oder vielmehr kein Sinn, auch nur eines Wortes! war es unserm Verf. bei Struve, Vogt, Moleschott*) mit ihren bekannten Kraftsprüchen dieselbe Seichtigkeit, Unlogik und Sprachverwirrung nachzuweisen. Schleiden spricht daher für die Naturforscher ernste Warnungen aus. Er sagt: „Die erste Regel für den exacten Naturforscher ist die, daß er sich auf Dinge, die gar nicht in den Kreis seiner Wahrnehmung und Erfahrung fallen und fallen können, gar nicht einläßt, dieselben weder bejaht noch verneint; welcher Astronom würde sich anmaßen, die Existenz des Tantals oder Lanthans zu leugnen und so fort; Geist, Freiheit, Gott kommen aber auf dem Gebiete der möglichen Erfahrungen des Naturforschers gar nicht vor, wie kommt er denn dazu, von ihnen zu reden? Mag er sie bejahen oder verneinen, er ist in beiden Fällen gleich inconsequent, gleich verworren. — Kommt der Naturforscher aber als Mensch auf diese Dinge zu sprechen, so soll er sich erinnern, daß es zweite Regel für den exacten Naturforscher ist, niemals über Dinge zu urihellen und abzusprechen, ehe er sich gründlich, soweit es der augenblicklich von der Wissenschaft erreichte Zustand erlaubt, unterrichtet hat; daß man zum astronomischen Urtheil Astronomie, zum chemischen Chemie und ebenso zum philosophischen (d. h. zum Urtheil über die genannten Ideen) Philosophie gründlich studirt haben muß, wenn man sich nicht in seinen eigenen Augen lächerlich machen will. „Aber aus dem Gesagten folgt auch noch ein anderes, nämlich ein augenblicklicher Widerspruch in dem Worte selbst, denn eben durch das Leugnen der Ideen erkennt der Naturforscher ja zugleich ihre Wirklichkeit an denn das, was jeder möglichen menschlichen Erfahrung überhaupt unzugänglich wäre, könnte der Mensch ja auch nicht einmal verneinen. Man darf aber dem Materialismus zumal in seiner schroff ausgesprochenen Form noch bestimmter entgegentreten. Derselbe nennt geradezu die Gedanken Absonderungen, Thätigkeiten des Gehirns. Nun wohl, dann sind ja die Ideen „Gott, Freiheit, Geist", sowie die Ueberzeugung von ihrer objectiven Realität ja *) Die Höhe des Oberflächlichen und Widersinnigen erreicht wohl Moleschott, wenn er (Kreislauf des Lebens, 1855) sagt: „Aus Luft und Asche ist der Mensch gezeugt. Die Thätigkeit der Pflanzen rief ihn ins Leben. Der Mensch ist die Summe von Eltern und Amme, von Ort und Zeit, von Luft und Wetter, von Schall und Licht, von Kost und Kleidung." Schleiden fragt hierbei, ob Moleschott die Kunst entdeckt habe, 3 Aepfel und 5 Hasen zusammen zu addiren? 7*

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